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Freie Tribüne · 1919-01-10 · 1 (10.1.1919) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
1 (10.1.1919)
Date
1919-01-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Freie Tribüne Nr. 1 Die Vertretung der jüdischen Arbeiterklasse durch Schaffung einer jüdischen Sektion war stets unsere Forderung. Wir konnten es nicht verwinde, daß eine Reihe von Hindernissen uns vom Rat der Internationale lernte hielten und w£f, die Untendrücktesten der .Wjelt, ohne Freunde kämpfen mußten. Die Internationale, die 1889 Im Zeichen der Jahrhundertfeier der großen französischen Revolution wieder aufgebaut wurdje, setzte sich aus den sozialistischen Parteien der einzelnen Staaten zusammen urud diese Landesparteien waren ihre nationalen Sekttonen. Doch der Sozialismus konnte den Proletariaten jener Völker, die ohne staatliche Selbständigkeit lebten, nicht die nationale Existenz absprechen, weil' die Gewalt der Waffen einmal wider sie entschieden hatte. So kamen zu den Sektionen, der Staaten auch die der Völker. Die I Schechen bildeten eine eigene Sektion, obzwar sie keine staatliche Selbständigkeit besaßen und das' gleiche Recht besaß der polnische Sozialismus, der in drei Staaten wirkte. Das "internationale sozialistische Büro beschloß im Jähre 1906 prinzipiell, daß auch ohne staatliche Existenz dann eine nationale Rektion geschaffen werden könne, wenn in der betreffenden Gruppe das Streben nach nationaler Einheit in historischer, kultureller und politischer Hinsicht besteht. Auf diese Resolution stützten wir auch formell unsere Forderung nach' einer Sektion für das jüdische Proletariat der ganzen Welt. Der „Bund", war zufrieden, ein Teil der russischen Sozialdemokratie zu se;n, da er die Einheit "des interterritorialen jüdischem Proletariates' bestritt und auf eine organisatorische Verbindung mit der jüdischen Arbeiterklasse außerhalb . Rußlands verzichtete. In Galizien wurde es' den jüdischen Sozialisten buriidjstisicher Richtung von der polnischen Sozialdemokratie unimöglich gemacht, das russische Beispiel nachzuahmen. So konnten sie nicht einmal ,die entsagungs volle Genügsamkeit d'es „Bundes" übjen, um im' Schatten einer anderen Partei aufzutreten un'd sie fanden daher auch keine mittelbare Vertretung in der Internationale. Es wurde immer klarer; daß nur unsere Auffassung von der, interterritorialen Einheit des jüdischen Proletariatejs und der ,aus dieser Auffassung, entspringenfde Ruf m|ach' einer unmittelbaren interterritorialen Vertretung! in! Form einer jüdischen Sektion richtig war. Aiber unsere Forderunjg; wurde: aus mehrfachen Gründen;, die; hier nicht erörtert werden sollen, vor dem Kriege nicht lerfüllt. Erst der Fl!amm|ensch|ein dies; Kriegjes warf volles Licht;aut die Judfe^fragje und . dje beldeiüt^dstiem1 Führer des. Sozialismus! wurdjen, mtft unserem' 'Leibern Mild unsieren Bestrebungen bekannt. Sie erkannten, daß, o'bs'dhon die förmliche Schaffung einer jüdischen Sektion im' Kriege nicht besehlosr siejn werden konnte, wir 'zur Internationale! 'faktisch gehörten. Sie riefen un# nach1 Stockholm, rufen uns1 nach Lausanne. Möge der heißeste Wunsdh unseres Herfens in Erfüllung, gehen und das jüidis'Che Proletariat mit den "Proletariaten, der Welt in Freiheit und Gleichheit zu ewigen Wirken vereint sein. Oer Weg zur jüdischen itoliisgemeinde I. Durch' idie Länder der jsüfdisidhjen Massenstieidlünig geht ein revolutionärer 'Sturmwind. Die breiten Massen empfinden mjehr denn je das dringende Gebot der Stunde, der Demokratie im: eigenen' Lager, zum' Siege 2U verhelfen. Die jüdjischen Massel haben ja noch das' Mittelalter der einzig vorhandenen „7egitirn{ierten" Vertretunigskörper zu überwinden, bfezw. die's|em: "das verdiente Enjde zu bereiten:. Es1 gilt, um es gleidh zu sagein, idfie auf patriz(t!s!dh'- plutokratis'dher Grundlage aufgebauten: „Kultusgemeinden", die durch ein reaktionäres' Wahlünrecht, die Stätte von Gewalt, Lüge und Korruption bilden, in wirkliche Volk'sgemein den, der Organisationsform und dem' Inhalte mach, umzuwandeln. Es' giltl Idas alte, wahre "Wesen 'der jüdischen Gemeinßein herzustellen, ies handefit1 sich darum, den in langen! Jahrzehnten aufgehäuften Schutt wegzuräumen, um' die Ssprudefritfe Lava "des T"ldps'dh,ein| Lebens in bequemere Formen bannen zu können. Denn die heute; beistehenden, sogenannten „israelitischen Kultusgemetnlden", sind, historisch betrachtet, Erben der jüdischen Gemeinden im' alten Polenreiche, deren Inhalt dem Inhalte deis damaligen gesamten; jüdischen! Lebens in allen Auswirkungen entsprach.' Für die versehiiedenartügeri Interessen des jüdischen Volkes hatte die Gemeinjde zu sorgen. Sie hatte fin'ajnizjieWe, adminlistrative, gerichtliche und auch religiöse Funktionen, sowie entsprechende, zweckgemäße Organe. Rein nach mittelalterlicher Form, auch die Wirtschaftliche Organisation äußerlich' in; eine religiöse Hüjlle gekleidet. Ebenso finden wir bis tief in das' (XIX. Jahrhundert hinein in1 Rußland Organtsattjonen des jüdischen! Proletariats, bei welchen Wirtschaft und Kultus! vereinigt sind. Uebier diese interessanten Organisationen lese man das Buch von ,ür. Sarah RabÜnowitsch: „Organisationen des jüdischen Proletariats in Rußland 1903". Die Gemeinde war im alten Polenreiche zunächst eine Volksgemeinde; djes äußerte sich vornehmlich darin, daß dCe Satzungen der Gemetnfde (Takanoth) in öffentlicher Versammlung in der „Schul", dem damaligen öffentlichen Forum, be: schlössen wurden. Wir haben also in dieser ursprünglichen Form das Referendum. Von dem Stande der demokratischen Gesinnung Jijjng es natürlich ab, ob und inwieweit der demokratische Geist in die Satzungen der Gemeinde kam. Jedenfalls darf man sagen, daß die vorhn(flenen Satzungen der alten polnischen Gemeinden in sehr vte[len Punkten (wenn man die Zeitd(istanz nicht außer acht läßt) mustergültig sind. Daß man für efte wirtschaftlichen, sozialen Interessen, für d&e Fragen des* Schul- und Erziehungswesens das nötige .,Verständnis hatte und nach den damaligen Gruntianschauungen zu regeln bestrebt war, ist ohnehin begreiflich, weil die jüdische Gemeinde für, sich allein zu-sorgen hatte, da sfiel doch in dein Ortsgemeinden dler polnischen Städte nichts zu suchen hatte. Dies der Grund, daß die jüjdSschelri Gemeinden sorgfältig an dem1 Ausbau der eigenen Selbstverwaltung arbeiten und das lebhafte unablässige Bestreben bekundeten, außer der Selbstverwaltung auch die Seilbstsätzung (Autonomie) auszubauen. Es bedurfte hiezu eines langen, mühsamen Kampfes zwischen der gesamten „Judenschaft" und den damaligen staatlichen Faktoren im polnjisdhen Reiche, der mit der Erringung der breitest|en Autonomiie sein En[dlc fand. Auf diesen1 interessanten Historischen Prozeß 'können wir hier leider nicht eingehen. Es mag nur hervorgehoben werden, daß der Kampf insofern e Früchte getragen hat, als die Selbstverwaltung der Gemeindjen und die Autonomiie der Provinzial- und ReiiChsvertretungen herrliche Produkte zeittgten, solche, die jetzt in dier heutigen Ukraina, mutatis miutandis, kopjert werden oder die' zu "kopieren und in; .moderneres' soziales Gewand zu kleiden, das Bestreben, der breitesten jüdischen Massen bildet. Des ferneren (muß unterstrichen werden, daß die Gemeinfdehi in diesem' Kampfe undiim1 Schaffen der eigenen Organisationen stets jüid'is'ch' blieben. Wir legen Wert darauf, dies besonders zu betonen, weil dies' i erstens historisich1 richtig ist und weil die weitere Entwicklung mit dieser ihistoris'chen Tatsache urplötzlich gebrochen hat. Für 'die jüdischen Massen1 und^deren Organisationen war der Inhalt des 'Begriffes „Jude" unjd „jüdisch" klar, ebenso hatten sie eine klare Vorstellung von der „Ge*aiein!de!". Es' iwat» also keime KiUiltlüsglcmieinidlei, wein das! religjiösq Leben etn;e Auswirkung des jüdischen Lebens überhaupt war und vom gesamten Lebensinhalt riidhit! getrennt werden konnte; diie Gemeinde äl's: solche hatte es1 nicht nötig, das religiöse Leben zu ordnen, zu regeln, hltezu war das geistige Haupt, der Rabbiner berufen, der* auch die zivile Gewalt als Richter hatte. Eine» spezielle; Organisation für das jüdische Kültusleben zu schaffen, hatten die damaligen Juden nicht nötig, ebenso wenig; wie jetzt.. Wenn schon also ,ke[ine Spur für -die Kultu&gemeinde im* alten Polen zu finden ist, sio gab! es schon keineswegs einen Begriff eines; „Israelitentulms" ianfrtatt, Juden tum s, keinen Konfessionalis'mus an; Stelle des wahren jüdischen Gehaltes', den wir nach heutiger soziologischer Terminologie m|it Redht Nationalismus nennen dürfen. So kann1 man die EntwickTuing.'bJs zur Wende des XVHV. Jahrhunderts dahin kennzeichnen, 'daß wir es' in Polen pmf t j üid i s ch e: n' Volk sg,emei n d e n*) zu tun (hatten-,- un?dl (zwar dem Inhalt und der Form1 nach; nicht ürgjanisationen. des Kultus, sondfern des1 Volkes, nicht des! israeiEtiseheKi1, sondern des jüdisdhen . * ■ Die Zusammenkoppelung von ^Israelitentum" und „Kultusge'meinde" entsprang aus der Paarung der Assimilät^onsMeolOgfie ian der Wenjde des 18. Jahrhundert (Mendelssohn) in Deutschland und|dap Synhedrion zur napoleonisehen Zeit in Frankreich' mit iden staatlichen Reg^rungshraxfmen der Hahls'- burgerdespotein (Maria Thjeresia, Kaiser Joseph II. bis1 tu die nieueste Zeit). Es1 g]elang Jjene ungeheuer^ liehe s'oziale und matdonaie Lüge auszuspin- Wen', an deren Folgen die 'jüdischen Massen1 als Voflk und soziale Klassen] bis heute zu leddfem haben. Die Juden wurdjen „Israeliten", — urplötzfäCh' wurde in den: Gemeinden der nationale (wirtschaftliche und kultureille) Kern zerstört; der wahre Gehalt wurde ausgehöhlt und durch einen blutleeren Inhalt ersetzt. An Steife der Religion kam jd'er Ritus', an Stelle der Nation entstand eine Leere, richtiger eine Lüge. Denn man überlege: Wenn Idte Ideologie der Assimilation "logisch, historjsch, soziologisch richtig wiäre, dann' dürfte es bloß eine Konfession geben, die je nach der staatlichen Zu- *) Um Unverständnissen vorzubeugen und nicht den Anschein zu erwecken, wir wollten die jüdische Gemeinde verherrlichen, müssen wir gleich sagen, daß wir die vielen Kehler der Gemeinde nicht Übersehen. Wir dürfen nur nicht den heutigen Maßstab anlegen und wenn wir von einem Muster reden, meinen wir natürlich das im modernen sozialen Geiste umgewandelteMuster. gehörigkeit eine der Franzosen, Deutschen, Poten etc. wäre, dann gliche sie einfach den anderen Konfessionen (protestantisch, kalvinisch etc.). In unserem' Falle wäre es die mosaische Konfession. Wenn man hingegen die Bekenner der mosaischen Konfession noch außerdem „Israeliten" nennt, d.'ft. einen historischen, etnographischen, modern gesprochen stammliciien, nationalen Begriff heranzieht« der mit Rücksicht auf die historische EntwickL lung nunmehr ein Begriff Tür ßiinen verschollleneu. Stamm bedeutet, so beweist dies elfte Verlegenheitj bei der Geburt der nationalen Lüge. Man sfieht hieraus, daß man nicht b&s zu Ende konsequent waf, sondern eher einen Sprung ins Dunkle machte. Diese verhängnisvolle Mache rächt s^ch bis auf idew heutigen 'lag, nicht nur aus dem Grunde, weil1 die Regierungen im lieben, alten Oesterreich sich stets au? diese unglückselige Neukonzeption de£ kontessionalisierten Judenturns und der israelitisierten Religion beriefen, sondern auch weil diese Konzeption den einzelnen Mehrhqts-, den sogenannten Herreruiationen der einzelnen Kronländer des alten morschen Habsburgerreichies den willkommenen Aiilab gab, die Juden entsprechenld zu behandeln. Die Nationen hatten es dank der "geschilderten Konzeption gar nicht nötig den Juden, die Gelegenheit zu geben, sieh! national zu organisieren, vielmehr hatten sie die Möglichkeit ihren Ejnflüßi durch die zahlenmäßige Konstruktion (Zuzählung der Zahl der Juden) enorm steigern zu lassend Die Assimifationsiaeologte der alten jüdischen Gewaltigen hing an den erwünschten „Kultusgemelinden", weil sie ihr Interesse, das ureigenste, persönliche Interesse drängte, der Nation der Mehrheit formell zugezählt zu werden. Die jüdischen Plutokraten trachteten stets danach, daß wohl die Organisationen; der Juden weiterbestünden, damit sto ihren Einfluß in den Gemeindjen, bei den Mehrhett$" nationen politisch eskomptieren, daß jedoch die Kompetenz der Gemeindie möglichst eingeschränkt bleibe. Wenn, noch in dem allgemeinen österreichischen bürgerlichen Gesetzbuche noch von einer „Judenschaft" die Rede ist (ctfe österreich!cs.chei Spezialbezetchnungi!), so Finden wir dank der Mache der jüdischen Gemeindegewaltigen in dem Gesetz vom] Jahre 1890 von einer Judenschaft keine, Spur, es' gibt nunmehr ein|e israelitische Kultusgemeinde« Diese klassische kodSfikatorisehje Arbeit ist das Werk des erlauchten Herrenhauses, jenes Hauses von Bildung und Reaktion, das dank der Revolution sanft entschlafen ist. Mit dem1 Todje der alten Reaktion ,ist es hoch an! der Zeflt, alle seine; Konzeptionen zum Teufel zu jagen. Es ist bezeichnend, "daß die Regierung als sie den Entwurf des! Gesetzes b!etreft;end die Kultufe^iemeijnden konzipierte, un|d djer jüdischen Autonomie einen weiteren Spielraum lassen wollte, auf die energische Opposition der jüdischen pTutokratischen Reaktion stieß. Diese Wurde stets von der Reaktion: der MehrheitsnatHow inspiziert, so hauptsächlich von den Polen in Galizien, von den Deutschen in Böhmen und in Oesterreich (hauptsächlich Wien). So ist die Machte eigentlich ein Werk der Koalition des Herren,- und Hörigenvolkes, eine, Mache, die dem Herrenvolk nicht immer genützt, dem Hörigenvolk (mit Ausnähme der Reaktion) nur gesfehädjet hat. Ich muß es mir versagen, auf die Einzelheiten dieses Prozesses des Näheren hier extizugfikm, we|i ich mir einen anderen Zweck gestellt habe. Hervorgehoben muß werden, daß die israelitischen Kultusgeme^nden, nicht den Juden, aber auch nicht dem Kultus1 dienten; sie dienten der Hausmacht jüdischer Plutokratenfamilien, die, d^e Aemter inter vivos, oder mortjis causa von djenj Verwandten erhielten. Reinster Nepotismus, gepaart mit abscheulichemi Plutokratengeist und niedriger Despotengewalt .unwürdiger Provinzpaschas' — das sind die Wesenszüge der ,K u lt u s gemeinde. iKein Wunder, daß die jüjdüisehe Bevolkerungi sfafo allmählich' von den, Gemeinden entfernte und Späterhin nur Verachtung, für sie hatte. Kanal ,wajr gleichbedeutend' mit Reaktion, Kahalnik mit Despot. Die jüdische Satjire fand Stoff genug, um die Gemeinden mit Spott und Sehjrnpf zu überschüttejn;. Natürlich' konnten sich solche „Gemejinden" nur dank dem ^demokratischen Wahlrecht, das auf einem ungenügenden Zensus aufgebaut war und dank der warmen Unterstützung der österreichischen Regierungstellen, die d(ie herrschende Nation und Partei unterstützten, erhalten. JSo kam es auch weiter, daß die, jüdische Bevölkerung inj der Kultu(sgemeinde nicht mehr ejine Vertretung der Juden sah1. Der alte gute Inhalt $er Gemeinde W ipoleni&t verschwunden, nichts' ist ge&Ueben als die Reaktion, als die Willkür der Geldsackjulden, gleichzeitig Lieferanten der jüdischen Stimmen, der Henker der breiten Massen. Die Revolution in der jüdischen „Gasse", sop nun! In den Tagen der größeren Revolution ihr Wierk tun unU den Weg zur eigenen Volksgemeindje finden. Diesen Weg wollen wjr zeigen. fax. Max Rosenfeld.

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