Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 1 (10.1.1919)
- Date
- 1919-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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REDAKTION und VERWALTUUGl Wien Ii, Ölockengasse 6 Tü* .17. Brscöeint jeden Freitag. mm ■! ii / f Tribüne öfe2ü«81»R£IÖ 1 3fuM«ll«ntf| Oaiiäy'ahtig . < . K 15.— tiaibjahrig . . . K v 7.50 Vierteljährig . Einzelnnrnmer 30 Heller. Ottgaix dev JÄcULsefee» so%ia<ldeinoki*aLtiseiien £>»*tei 99Ppale Zion" Proletarier ätler Völker vereinigt Euch! ü&s I. Jahrgang Wien, 10v Jänner „NriL Unsere Losung, Die jüdischen Arbeiter und Angestellten in den deutschen Ländern stejhen vor der entscheidenden F?age: Wollen sie den1 Anschluß an das jüdische RrpLetamt der ganzen Welt vollziehen?. Werden sie! hierzulande ejne einheitlichejüdische Arbeiterbewegung schatten1? ."»Atter gibt es! denn! übjer hajup/t ein jüdisches Pro - letariat? Diese Frage wagt rnam nur noch hier zu steilem. Hier teilen! sich1 Unwissenheit und Bosheit zugleich In (die Aufgabe, um Kapitalismus und Judentum afe' gleichbedeutend hinzustellen,, hier gilt heute noch die jüdische Bourgeoisie als das > jüdische Volk. -Gegen die böswilligen Behauptungen -zu! kämpfen, wäre zweeklosVAbierwas die Unwissenheit verursacht hat, muß zerstört werden. Denn wir dürfen uns1 keiner Täuschung! hingeben, es sind nicht Vereinzelte, die dieses! Urteil, fällen, nein, die herrslchem de1 Meinung in diestem'Lande geht dahin, daß die Juden nur e in e n Stand, dien Hahdelss'tand 'bilden, und kein Geringerer als! Karl Kautsltfy hat in diesem; Sinne, nur noch prägnanter, die Juden eine Kaste genannt. Dieser Irrglaube ist hierzu lande soübermächtig, daß er auch die» Jüdischem Arbeiter un<d Angestellten; selber ergriffein.! bat und jeden arbeitemTden1, jeden imfelektuellkn Juden an der eigenen Seltoverstän!digim!g hinklenk . Darum muß vor allem'die Erkenntnis1 allgemein werden, daib die Juden, die noch' vor einem' halben Jabrhulndiert nur ein St&Jnd odfer eine Kartet warm, f|ietite nicht mehr stndl Der Kapita;lism!us, hat vor dem Toren der Judengasse nicht halt gemacht, sondern; die -ursprüng'iltöh1 amorphe Händler- und! 'Krämermasse ökonomisch und beruflich zersetzt;. _>Wir^w.olen^di^ 4n.- denen die überwiegende Mehrhext des: jüdischen Volkes! wohnt, sondern nur. feststellen, daß hier in Niederösterreich, also hauptsächlich Wien, nach der Berufest atistik von 1910 von' den 184.000\ Judlen trotz Befähigungsnachweis und antisemit{scher* Qewerhepolitik 52.000, /das1 sind über 28 Prozent, der Gruppe Industrie und Gewerbe zugehörten. Gleichzeitig mit der beruflichen Differenzierung, ist die jüdische Masse auch1 sozial geglSedlert* und in Klassen geteilt worden. Wir können,' für Wien die Zahl der jüdischen Arbeiter und Angestellten nicht von der der Selbstständigen sondern. Aber kann jemand daran zweifeln, daß die Majorität Proletarier sind!? Und sieht man nicht, daß deren Zahl' laueh relativ stets wächst!? Trotz der Rückst ämdigikeit Galiziens, in welchem ^überdies die Hauptmiassiei der, Juden wohnte, s^hd» im alten Oesterreich im der Gruppe Industrie1 und; Gewerf>e von 1000 berufstätigem Judem im Jahre 1900 461 selbständig, gewesen, im Jahre 1910 aber nur 395.4, (während der Ämteif'der 'Arbeiter un0 Angestelltem entsprechend von 436 auf 546.6*) gewachspi ist. Wir wollen und können hier nicht auch die soziale Gliederung der im Handel beschäftigten Juden besprechen. Aber wer sieht nicht, daß gerade der großkapitalistisch organisierte Warenumsatz immer größere Massen von Angestellten herangezogen hat und daß diesen Zehntausenden von jüdischen Laden- und Büroangesteflten gegenüber dem selbständigen jüdischen Krämer und Hänjdler heute schon die bedeutendere Rolle zukommt? Bedarf es* da noch weiterer Ausführungen, um dfen jüdischen Arbeitern und Angestellten zum Bewußtsein zu bringen, daß sie nicht Ausnahmen vom „kapitalistischem Judentum" sind, sondern daß es heute schon und auch hierzulande ein großes jüdisches Proletariat gibt? Jene Irrmeinung, d)ie. Las&aHe so nachdrücklich bekämpft hat, daß die Herren und Damen der Gesellschaft nur ihresgleichen sehen, nur ihresgleichen kennen, vom Theater, von der Gesellschaft her, an die Existenz eines' Proletariates! daher nicht glauben, gilt heute nur noch in Bezug, auf das! jüdische Proletariat; es' ist daher die erste Pflicht, des seiner selbst bewußten' arbeitenden Juden, diesen. Irrglauben zu zerstören, zu zerstören durch dte Schaffung einer mächtigen jüdischen Arbeiterbewegung. Es gilt, auch hierzulande den; Tatsachen zun* Siege zu verhelfen, *) Der Anteil dev mithelfenden Familienmitglieder ist ebenso wie der der Selbständigen zurückgegangen, (von 10b auf 58). entgegen Kautsk'y ebensowohl' als entgegen HerzT, der in dem Juden nur ein Mittelstandsvolk gesehem hat,, das jüdische Proletariat als solches zu aktivem Handeln zu organisieren.. Denn aus der Erkenntnis, daß es! ein jüdisches Proletariat auch hier^ulandte gibt, entspringt die Notwendigkeit, auch' hier die jüdische Sozialdemokratie zu schaffen. Dieser Notwendigkeit kann sich kein jüdischer Arbeiter, kein jüdischer Intellektueller entziehen, der dem internatiomafem Sozialismus und' dem' jüdischen Proletariat t n gleicher Treue ergeben ist. Jeder, der die Nöte des' jüdischen Proßetariates! als seine eigenen brennenden 'Schmerzen erlebt, wird mit dem Dogma vom kapitalistischen Judentum brechen, dem Kampf, für dein Sozialismus nicht mit Scheuklappen im! amders'nationalen Lager, sondern mit offenen Augen in den Reihen des jüdischen Proletariats führen und sich zur jüdischen Sozialdemokratie bekennten. s Die jüdische Sozialdemokratie -aber ist sich dfer Grundlagen', auf denen sie ruht, bewußt. ■'Wenn wir ausgeführt halbem, daß der Kapitalismus die [ursprünglich einförmige jüdische Häindllermasse beruflich und sozial mannigfach differenziert und die sozialistische Bewegungimi jüdischem Volke erzeugt hat, so müssein wir ebenso auch' - stets dessen eingedfemk bleiben, daß: die ökonomische Entwicklung bei-uns erheblich, anders ist, als bei Heim andern Völkern. Ohne Rückhalt eines! eigenen .Territoriums1, ohne eigene Landwirtschaft und imdiustrielle Urproduktion ist das, Wirtsehafts- ICbem der iJudjen:, trotz und bei 'der oben gescMfdertem beruflichen1 umd, Sozialen Umgestaltung, dter jüdis^e^roIe1a^r?a\^in ätfeff^Ländern führt, um dem Drucke des' Kapitaltsmras und dem-UnheiF der jüdischen Landkmgkeit eiftg^genzuwirkeri. Darum' j'st der Zusammenschluß des'jüdischen Proletariats der ganzen Welt ebenso notwendig wrVeine selbständige jüdische Sozialdemokratie, in jedem Lande?., Der sinnfälligste Ausdruck für die Einheit des jüdischen Proletariates, das im seiner überwältigenden Mehrheit üb'eraTl nicht nur dieselben sozialen, sondern1 auch kulturellen Bestrebungen .hat; soll die jüdische Sektion im der sozialistischen* Internationale sein', wie d|j,e jüdfeche Nation in der zu' organisierenden! Völkerfamilie der Menschheit ein gleichberechtigtes 'Glied sein», soll. Die Idee der ' Inteirniai'ionalität, richtiger Interterritorialität der 'Ju^ehfragev ist es,\ die. aller dem jüdisch-sozialistischen Arbeiter verband. „Poäle1 Zion" ang^es'chrossenen jüdischen Arbeiterpärteiern im ihr Programm1 . aufgenomimejn haben. Sief erheis'cht ii gleicher Welise die; mögrichste .Entfaltung des jüdischem Proletariats und des jüjdüschent Volkslebems im; jedem Lande, das Vereimdgte Zu!-v sammenwirken der jüdisChjen Yolksmasseh . aller Länder zum' Aufbau einer jüdischiem Heimstätte im Palästina sowie die Gewinnung! derinternationalen Hilfe-, um' beide Bestrebungen zu fördern, beide Ziele zu erreichen. Diesem Lbsuingen sin-d dör jüdischen Arbeiterbew,egung aller Länldjer gemeimsiatn. Sie ist überall die Avantgarde im' kulturellem umd pol'itislchen! Befreitiaigskampfe des jüdischen Volkes und: niur das1 Tdeal' der mafioniale^l RegenCrierumg erm^lichtl ihre unbjedingte, vofti jedlemi Kompromüsse mit der Goruslage dtes jüdischen Volloes' entsprechend, von Ungumjst.der^Um'geb!ung freie^Hingabfe* an dem so elgenartigtfm-Ghdralder. - zialtslischen Befretumg^skäm'pf: ^ihn fuhrt Diese YtrtsChaftlichen Tatsachen bedingen die entsprechende, soziale Stellung der jüdischen Massen und ihr besonderes jüdisches Kurturleben, das im Osten 'Europas und in* den Judenzentren der neuen Weltin eigener jüdischer Sprache sich voljli entfallet. . •Diese besondere wirtschaftliche Entwicklung; führt, abgesehen vom dem politischen Drucke und dar oft' sich zu Pogromen1 steigernden Verfolgungen, im ihrem Verlaufe konsequent zu Massenauswan der ungern. ' Die Geschichte der Juden ist die Geschichte ihrer Wanderbewegumgen, die heute zu pro'Ietari* sehen Wanderungen geworden sind. Die Wanderungen, die bei anderen Völkern eine Kinderkrankheit aus1 der Anfangszeit ihrer kapitalischen Entwicklung sind, machen hei uns heute zum großen Teile unsere wirtschaftliche Entwicklung, unsere nationale Geschichte übjerhaupt aus]. Es ist unmöglich, hier zu erläutern, daß die jüdische Emigra- : tion der Ausdruck der tiefstem wirtscha;ftliChen umd sozialen Not und zugleich die Quelle wirtschafte lieber und sozialer Entfaltung ist. Es» sei nur angeführt, daß all die Schneider und Schuster, die von ihrem Hehn im1 Osten Europas auswandern mußten, das zahlreiche jüdische Proletariat Amerikas1 gebildet haben, djessem mächtige Arbeiterbewegung heute die stärkste Kraft für die Forderun1gem der jüdischen Massem in aller .Welt darstellen. Die Emigration, d£e Fofge von vielem Krankhejr^em unseres Volkslebems, enthält auch die Keime von mancherlei Gesundung und sie soll, in planmäßige Kolonisation gewandelt, den .Produktivierungsprozeß der jüdischen Massen' besChreumtgen* eine Heimstätte jüdischer Arbeit schaffen. Diese besonderen Tatsachen muß sich die jüdische Sozialdemokratie stets vor Augen halten. Wie die Wanderungen uns1 den Zusammenhang der jüdischen Massensiedflumgem auf der ganzen Welt und deren Einheit veranschaulicht.haben, muß aucW der jüdische Sozialismus der .V/ersehtedenen Länder sich als eftie Bewegung erkennen und 'danalCh handeln, In den vielen LärAdern, in denen das' jüdische Volk und das jüdische Proletariat wohnen, fließen dte verschiedene?!' Arme der jüdischen Arbeiterbewegung, überall von denselben Kräften, der kapitalistischen Ausbeutung und den besonderem jüdischen Nöten getrieben, überall demselben Ziele, dem Siege des Sozialismus tund der jüdischen Freiheit zustrebend. Es sind dieselben. Kämpfe, djie djas BetVeiümglskäm'pC Ihn führt das jüdische Proletariat, einheitliich und selbständig, gemeinsam mit dem1 internationalen "Proletariat der Welt, dessen Hilfe für die e(igene Auflebung ersehnend und erwartend. So'ist es in.dem Ländern der jüdischen MassemsiedÜumg. In diesem; "Geiste wijrkt die sozialistische Bewegung bei den hunderttausemdem jüdischem Arbeitern-Amerikas, so entwickelt sich1 die jüdische Arbeiterbewegung im: Osten Europas. Eine selbständige jüdische Sozialdemökratije, vom Schicksale des eigenen! Volkes erfüllt, am dem sozialistischen Umbau der Gesellschaft mttsichaffend, ist auch hier unsere Losung. Eine jüdische Sektion in der sozialistischen Internationale. Das derzeit in Stockhorm befindliche Verbandsbüro des Allweltlichen jüdischen sozialistischen Arr beiterverbamdes1 „Poäle Ziom," wurde eingeladen, zu der nach Lausamme e imberufenen internatjonailen sozialistischem Konferenz Delegierte zu entsenden. Uns schlägst das' Herz höher, dia wir umserß Stefiumg in der Internationale Bjich festigen sehen. Schon im' Jahre 1917,' alsi die historisch gewordenen Beratungen in Stockholm stattfanden, hatten unsere Vertreter Gelegenheit,, die ßestrebumgen des jüdischen Proletariates vor dein.! Forum1 des internationalem Sozialismus zu erörtern und diaisi Resuj1tat war, daß die Internationale, insoweit sije damals1, bestand', unsere Forderungen voll anerkannte. Der internationale .Soziaiisteul$ong,reß kann in Stockholm niCht zustande, aber der .holiändüsch-; skandinavische Ausschuß, dj&r dort die Aussprachen mit dem Delega.ti6nen djer erschienenen* So-. zialtstenparteien durchführte, gewann so das; Ma,- teriar zur Stellungnähme zu allem rittiigem' Fragen, Daraufhin stellte das Friedensmahfifest .'der neu^' tralen Delegationjen' zur Stockhölmer Konferenz den internationalen Chärkter de^r Judenfrage fest und sprach sich sowohl für die matipnäle ölleijcihistellungr des jüdischem Volkes im den Länderm mit jüdischer Massensiedlun^, w^ für. die jüdüsche Ko-. Ionisation in Palästina aus. Diese Stellungnahme' bedeutet nicht bloß djie stärkste" moralische Uhierstützung, cjte, jüdischen, Volkes in seimem Kahjpüe für, e«ie frei?1 nattptiale Entwicklung;, sie ist vor allem die Aufnahme des: jüdischen Proletariates, djejs' verstoßenem Bruders in die Sozialistische 'Internationale, als eines selbständigen, gleichwertigten: Mitgliedes.