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Der jüdische Wille · 1920-06-01 · Heft 6 (Juni 1920) · page 35

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 6 (Juni 1920)
Date
1920-06-01
Page
– (sequence 35)
Language
German
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EINZELHEITEN 253 entgangen ift. Aber wie hat er diefe Quellen für fein Gefchichtswerk verwendet! Er erzählt Gefdiichten, nicht Gefdiichte. Nichts von dem, was er in den Quellen lieft, wird ihm zur Frage, zum hiftorifchen Problem. Er fragt nidit nach den Zu* fammenhängen^ in denen das Leben der Lubliner Juden mit der Entwiklung der Stadt LubHn und mit der Gefamtgefchichte Polens politifch und wirtfchaftlich fteht, ja nicht einmal nach der Einwirkung, die der Verlauf der Gefamtgefchichte der Juden Polens auf die der Juden Lublins ausübt. Er unterfucht weder die fpeziellen Fragen der Siedelung, d. h. die Urfache des Zufammenftrömens von Juden in Lublin, noch die ihrer wirtfchaftiichen Funktion in der Stadt, noch endlich die ihrer fozialen Gruppierung, oder anderes, deflen Erkenntnis leine Darftellung erft auf die Stufe gefchichtlicher Forfihung erheben würde. Er unterläßt es auch, die Parallelerfcheinungen zu der Gefchichte der Juden Lublins in der Gefdiichte der Juden anderer polnifcher Städte und außerhalb Polens aufzuzeigen und den Einfluß, der von diefen Gefchehniflen formal in der Gefetzgebung und real in den gefchichtlichen Ereigniflen auf die Entwiddung der Juden Lublins ausgeübt wird, zu beleuchten. Dazu kommt, daß ein Unterfchied in der Bewertung der einzelnen Gefchichtstatfachen kaum gemacht wird. Nur fo kann es gefchehen, daß die Gefdiichte einer Rabbinerfamilie, die in Lublin ihren Urfprung hat, mit derfelben Ausführlichkeit, ja vielleicht noch breiter und mit der gleichen Wichtigkeit behandelt wird, wie die Gefdiichte des in Lublin tagenden polnifchen Judenreichstages <Vierländerfynode> oder daß der juden* gefchichtlich höchft bedeutfamen Tatlache des ZufammenfchlulTes der jüdifchen Hand* werker Lublins zu jüdifchen Zünften nur ebenfoviel Beachtung gefchenkt wird, wie der Lebensgefdiidite eines Lubliner Maggid. So ift auch Balabans Werk nur das geworden, als was man leider die meiften neuerlichen Einzeldarftellungen aus der jüdifchen Gefchichte bezeichnen muß: fie ift eine durch VoIIftändigkeit ausgezeichnete Materialfammlung zur Gefchichte der Juden in Lublin, aber nicht ihre Gefchichte felbft. Geht man in diefer Erkenntnis und mit der daraus fich ergebenden Refervation an die Lektüre des Balabanfchen Buches heran, fo wird man es gewiß nicht ohne Interefle lefen. Man wird in dem, was es an Nachrichten über die Juden Lublins bringt, eine neue Beftätigung für das unerhörte politifthe und wirtfehaftliche Martyrium der Juden während des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit in allen Ländern Europas finden und aus ihm neue Bewunderung fchöpfen für die faß übernatürliche Lebenskraft, mit der fich das jüdifche Volk in allen feinen Teilen dem Drudk der Umwelt zum Trotz zu erhalten gewußt hat. So wird man trotz aller vom Standpunkt der Willen* fchaft gegen das Balabanfche Rudi zu erhebenden Einwendungen dem VerfafTer doch dankbar fein für diefe Sammlung neuer Urkunden und Nachrichten zur Galuthgefchichte der Juden, nicht zuletzt auch deshalb, weil dem Buche eine Fülle vortrefflicher von dem Maler Henker ftammende Zeichnungen aus dem Weich* bilde der Stadt Lublin beigegeben ift. GEORG HERLITZ KLEINSIEDELUNG UND BEWÄSSE¬ RUNG. Dr. S. E. Soskin veröffentlicht eine Brofchüre über die neue Siedlungs* form für Paläftina. Sein Büchlein gipfelt in einer Reihe von konkreten Forderungen. Drei Verfudisfiedelungen, die Mufter* dörfer werden müflen, follen im Süden, Norden und im Centrum Paläftinas angelegt werden. Sie follen auf Boden, der dafür forgfältig herzurichten ift, ausfchließlich Bewälferungskulturen <Gemüfe etc.) an* bauen. Vorbereitende Maßnahme ift die Ent* fendung von Fachleuten, weldie die walferbautedmifchen, waflerreditlichen und die Fragen des induftriellen Gemüfebaus in Spanien, Mazedonien, Damaskus und Paläftina felbft zu erforfthen haben. Ferner ift — gleidizeitig — eine Organifation des künftigen Abfatzes der Produkte in Ägypten und am Suezkanal zu fdiaffen. Drittens find mazedonifche Lehrmeifter für die Siedelungen anzuwerben. Und fchließlich follen — forgfältigft — die erften Koloniften ausgewählt werden. Diefe erften Dorffchaften, die mit großer Befchleunigung anzulegen wären, find die Keimzelle, aus der fich eine neuartige MalTenfiedlung entwidteln wird. — Wenn jemand eine gute, erprobte Balis findet und auf ihr mit fihnellem, richtigem Bauen eine Pyramide errichtet, fo ift er der Baumeifter, auch wenn die Bafis nicht von ihm war/ Pyramiden aber find Bauten für die Ewigkeit. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Meifter Soskin ein Werk von bleibender Bedeutung gefchaffen hat,

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