Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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252 EINZELHEITEN in Deutfchland fich zu einer Organifation zufammengefchloflen hat, die ihr Arbeits* Programm <alle gegenteiligen Beteuerungen helfen nichts) in der negativen Abwehr fieht/ in der die Frage nach dem Wohl* gefallen und der Liebe der andern an erfter Stelle ßeht/ die ihren Mitgliedern die Lektüre der Wandervogelzeitfchrift empfehlen muß, um den »rechten Ton« zum Vereinsbericht zu treffen/ — die alfo nicht imftande ift, der Jugend aus eigener Kraft und eigenen Werten das Erlebnis zu fchaffen, das fie braucht, um in einer Gemeinfchaft arbeiten zu können, und das für jüdifche Menfchen allein in ihrem Judentum zu finden ift. Wir wollen nur hoffen, daß immer größere Teile der deutfchen Judenheit ein* fehen, wohin diefer Weg der Liebedienerei und Anpaflung führt, lieh — ehe es zu fpät ift — losreißen von diefer Bewegung und fich dem großen Werke der Erneue* rung zuwenden, das als einziges den Beftand des jüdifchen Volkes fichern kann. ARTHUR SONNENTELD BALABAN, MAJER, DIE JUDENSTAD. VON LUBLIN. <Jüdifcher Verlag, Berlin 1919). Jedesmal, wenn ich die Lektüre eines neuen Beitrages zur Territorial* oder Lokalgefchichte der Juden in einem der Galuthländer beendet habe, ftehe ich vor derfelben Frage: Ift es fo befonders fchwer, jüdifche Gefchichte zu erfallen und darzustellen oder bringt das jüdifche Volk keinen wirklichen Hiftoriker, dem die Fähigkeit, das Wefenliche jüdifcher Gefchichtsentwicklung zu fehen und wieder* zugeben, gegeben ift, mehr hervor? Und jedesmal bleibt mir — und ficher nicht nur wegen der Scheu, den zweiten Teil der Frage mit Ja beantworten zu müflen— keine andere Wahl, als zuzugeftehen, daß die Darftellung jüdifcher Gefchichts* verlaufe befondere Schwierigkeiten in lieh birgt, die die Gefchichte von Völkern mit normalen Lebensbedingungen und *Funktionen nicht aufweift, und in die Prüfung der Frage einzutreten, welcher Art diefe Schwierigkeiten denn eigentlich find. Mir ergab fich die Antwort auf diefe Frage, die Erkenntnis der befonderen Schwierigkeiten jüdifcher Hiftorik aus der Feftftellung der Fehler, die ich immer wieder in den neuen Einzeldarftellungen jüdifdier Galuthgefchichte machte, und es verlohnt fidi darum, eben weil die Betrach* tung diefer Fehler einen wertvollen Beitrag zur Methodologie der Gefchichte des Galuth bietet, über fie einmal ausführlich zu fprechen. Die modernen Darftellungen der jüdifchen Gefchichte — von Grätz's Ge* fchichtswerk bis in unfere Zeit —kranken fämtlich an einem Grundfehler, an der mangelnden Erkenntnis deflen, was Ge* fchichte überhaupt und jüdifche Gefchichte im befonderen ift. Sie hinterlaflen in dem Lefer den Eindrud*, als hätten ihre Verfafler die Vorftellung, Gefchichte fei nichts weiter als die zufammenfaffende Darfteilung aller über eine Gruppe von Menfchen vorliegenden Nachrichten, und als wäre ihnen niemals die Erkenntnis aufgegangen, daß die jüdifche Gefchichte die Darfteilung des Prozefles ift, der fich aus dem Däfern einer politifch, fozial, wirtfehaftlich und kulturell eigengearteten Menfchengruppe in einer nach jeder diefer Richtungen wefensfremden Umwelt ergibt. Aus diesen beiden Fehlerquellen, aus der mangelnden Erkenntnis, daß Gefchichte fchreiben heißt, das Leben der Gruppe als Ganzes, nicht das von Einzelperfonen fchildern, und daß das Leben diefer Gruppe nicht in der Ifolierung, fondern unter der ftärkften Einwirkung ihrer Umwelt verläuft, ftammen alle die Mängel, die den modernen Darftellungen jüdifcher Gefchichtsteile an* haften. Sie find die Urfache davon, daß unfere jüdifchen Hiftoriker in ihren Dar* ftellungen Wichtiges und Unwichtiges nicht voneinander zu fondern vermögen und Perfonalgefchichte und Gruppen* gefchichte miteinander vermengen, als hätten beide Teile für die Gefamtdarftellung den gleichen Erkenntniswert. Sie find ferner die Urfadie, daß in modernen Darftellungen jüdifcher Gefchichtsteile der Eindruck hervorgerufen wird, als lebten die Juden überall ein von der Umwelt völlig ifoliertes Leben, während doch in Wirklichkeit alles Gefchehen innerhalb einer jüdifchen Gruppe fein Gefetz von der Stellung der Umwelt zu ihr und der Reaktion der Juden auf diefe empfängt. Die Notwendigkeit, diefe grundfätzlichen Fragen der jüdifchen Hiftorik einmal, wenn auch nur in ihren oberflächlichften Erfcheinungen, zu befpredien, ergibt fich wieder einmal durch das Erfcheinen des Buches von Majer Balaban „Die Juden* ftadt von Lublin". Balaban hat mit der größten Sorgfalt und mit einer rührenden Liebe zu feinem Thema das Material zu feiner Gefchichte der Juden in der polnifchen Stadt Lublin zufammengetragen, und ich glaube nicht, daß ihm auch nur die kleinfte Notiz, die duellenwert hatte,