Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1920-06-01 · Heft 6 (Juni 1920) · page 33

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 6 (Juni 1920)
Date
1920-06-01
Page
– (sequence 33)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/2827066-2827074-2827079--0680-2827786
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

»KAMERADEN« — unter diefem Titel läßt der gleichnamige Reichsverband Jü* difcher Wander*, Sport* und Turn* Vereine eine Zeitfchrift erfcheinen, deren erftes Heft zwar nicht als Bereicherung des jüdifchen Schrifttums hier angezeigt zu werden ver* dient, deren Inhalt mir aber doch Anlaß zu einer kurzen Betrachtung zu bieten fcheint. Die beiden erften Auffätze <»Zum Ge* leite« von Georg Beer und »Was wollen die Kameraden?« von Hugo Herzfeld) bemühen (ich, alle diejenigen, die dem Kameraden * Verband den Vorwurf ge* macht haben, er fei nur eine Kampf* Hnd Abwehrorganifation und nicht aus innerer Notwendigkeit erftanden, davon zu über* zeugen, wie fpontan die Gründung der Vereine erfolgt fei und wie tief ihre Wurzeln lägen,- wollen dann durch einen ausführlichen Kommentar zu dem in fechs Punkten zufammengefaßten Programm dar* tun, wie eminent pofitiv die von ihnen zu leiftende Arbeit ift, deren Maxime nach berühmten Mufter lautet: »In jüdifchen Dingen gut jüdifch, in deutfehen Dingen gut deutfeh!« Zwifchen »antifemitifchen Progrom* hetzen« auf der einen und »jüdifch*na* tionaliftilcher Verneinung« auf der anderen Seite follen die Kameraden den Weg finden zu einem innerlich gefeitigten Juden* tum und — »national*deutfcher« Gefinnung. <Wer fagt denllnterfdiied zwifchen deutfeh* national und nationaldeutfch? > Das »politifche Phantom« des Zionismus ift ihnen eine »unmögliche Beftrebung« ,• für eine »paläftinenfifche Chimäre« dürfen fie es nicht auf fich nehmen, die andern an ihrem »Bekenntnis zum deutfehen Volkstum« zweifeln zu lalTen, zumal die Bejahung der »erkünftelten« jüdifchen Nationalität ein Kulturghetto bedeute und ficherlich eine »völkifche Gegen* bewegung« hervorrufen würde (zum Glück ift fie noch nicht da!>, die auch den »Treueften« ihr Judentum verekeln könnte. Das Mitwirken an der »jüdifchen Koloni* fations* und Gemeinfchaftsarbeit« wird als felbßverftändlich hingeftellt,- aber nirgends ift mit einer Zeile klar und deutlich gefagt, daß tätige Anteilnahme am Auf* bau des jüdifchen Paläftina und das ift wohl Kolonifations* und Gemeinfchafts* arbeit — jedem Einzelnen zur Pflicht gemacht wird. Vielmehr glaubt man, die fehlende notwendige Grundlage für den Dienft im Judentum <das Anerkennen ihres Nichtvorhandenfeins ift gleichbe* deutend mit dem Eingeftändnis der Wurzellofigkeit) lieh durdi Eintreten für die »politifchen und kulturellen Be* ftrebungen« des deutfehen Volkes fchaffen zu mülTen. Der kaufale Zufammenhang liegt nicht ganz offen zu Tage. Während der VerfalTer des Geleitworts die Gründung der Kameraden * Vereine pfychologifch aus dem Drange der Jugend nach Gemeinfchaft zu erklären verfucht, gefteht Herr Herzfeld in feinen Aus* Führungen freimütig ein, daß fie lediglich eine Reaktion auf das erfchreckende Umfich* greifen der zioniftifchen Jugendbewegung gewefen ift. Und wir erfahren von ihm die uns bisher unbekannte Tatfache, daß wir letzten Endes dem neutralen Jugend* vereinsvorftand es verdanken, wenn un* fere Bewegung zu dem »heutigen Umfang« hat anwachfen können: der fei nämlich der »vorzügliche Nährboden« gewefen für die nationaljülche Agitation, die ja bekanntlich durch »einige freundliche und unverbindliche Verfprechungen der Staats* männer der Entente an zioniftifche Führer« ausgelöft worden war. Jetzt aber habe lieh bereits der Enthufiasmus gelegt, denn es fei ofFenfichtlich, daß England uns an der Nafe herumgeführt hatte. Die jüdifche Jugend Deutfchlands fei nicht den »zio* niftifchen Phantaftereien« erlegen und lafle fich nicht ihre Zugehörigkeit zum »deutfehen Volks* und Kulturkreife« rauben: dies beweife das »lawinenartige« Anwachfen des K. C. <foweit bekannt ift, hat der K. C. garnicht fo überwältigende Erfolge gehabt) und die Begründung der »Kameraden«* Vereine. Trotz aller Bemühungen des Herrn Herzfeld ift es fdiwer, aus dem Programm, zumal aus der weitfehweifigen Erläuterung, die pofitiven Ziele des Verbandes zu erfehen. Nichts ift Selbftzweck, — felbft die Stählung des Körpers durch Wandern und Sport wird —' sub specie assimila* tionis — mit »Rückficht auf den Wert, den mit Recht ein Kulturvolk wie die Deutfehen auf körperliche Ertüchtigung und Kraft legen«, gefordert. Und geradezu komifch wirkt es, wenn den Kameraden die »Betätigung des fozialen Pflichtgefühls« z. B. durch Eintritt in die Einwohner* wehren ans Herz gelegt wird. Schon dies genügt, um zu erkennen, daß wieder ein Teil d«r jüdifchen Jugend

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.