Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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kOLDÜElM, VOLK UND GEMEINSCHAFT 145 geifierung, die die Zußimmung der Mächte zur jüdifdien Paläßina* Forderung bei den Juden auslöfte, beklagt es, daß »wir es fo weit ge* bracht haben, daß man uns an den Tifch lädt, an dem die Beute ver* teilt wird, zur Schändung der Weltgefchichte « und will »Zion nicht durch Unrecht erlöß« fehen. Difficile est satiram non scribere. Dutzende folcher Äußerungen könnte man aneinanderreihen. Muß diefe »Unbe* dingtheit« unfere Jugend nicht verwirren, werden Menfchen, die unter folchen Einflüffen aufwachfen, fähig fein, die »Politik der Alten« ver* nünftig fortzuführen, werden lie nicht in Paläßina maßlofe Enttäufchungen erleben, wenn ihnen der Kontraß zwifchen Ideal und Wirklichkeit grell in die Augen ßicht? Indem wir Paläßina aus der Hand der Mächte annehmen und uns von ihnen als vollberechtigtes Volk anerkennen laffen, begeben wir uns automatifch in die Weltpolitik und haben, fo widerlich uns auch vieles dabei fein mag, die Folgen davon auf uns zu nehmen. Und wer nicht begreift, daß wir in Paläßina noch viel Kompromifle werden Ichließen, viel opportunifiilche Politik werden treiben müffen, wer nicht erkennt, daß wir noch für lange Zeit von England politifch, von der Welt wirtfchaftlich abhängig fein werden, und ein Reich abfoluter Gerechtigkeit und den gefchloffenen Handelsßaat und ähnliches erwartet, der mag ein ganz prachtvoller Menfch fein, nur iß er ein unbrauchbarer Bürger des jüdifchen Volkes. Zionismus heißt mit allen im Rahmen der oozialethik liegenden Mitteln für das jüdifche Volk Zion aufbauen zu wollen. Margulies hat treffend gezeigt, daß individuell^ethifihe Gefichtspunkte dort, wo es um das Wohl des Volkes als Gefamtheit geht, nicht in Betracht kommen dürfen. Und nur darauf kann es ankommen, wie hoch oder wie niedrig man die Grenze der Sozialethik abfieckt. Auch ich bekenne, daß ich mit Margulies nicht einverfianden bin, wenn er den englifchen Staatsmann, der, um fein Volk zu retten, unbedenklich ein ganzes Parlament befiechen würde, als Beifpiel von Sozialethik lobend erwähnt oder wenn er Wilfons Aufgabe feiner Prinzipien in Paris und fpäterhin warm verteidigt und ficherlich Bethmann Hollweg darin zu rechtfertigen bereit wäre, daß er trotz feiner Gegnerlchaft gegen den unbefchränkten Unterfeebootkrieg auf feinem Poßen beharrte und den Belchluß mit feinem Namen deckte. Ich meine, daß das neue jüdifche Paläßina ganz andere Maßfiäbe bei feinen politilchen Maßnahmen anlegen muß. Und es wäre mir eine unerträgliche Vorßellung, wenn nicht in der inneren Politik des jüdifchen Volkes Sittlichkeit und Gerechtigkeit herrfchen würde, wie fie nur irgend im Rahmen der Gefellfchaft zu verwirklichen find. Denn foweit lebt der Glaube an die »Auserwähltheit« des Judentums doch noch in uns allen, daß wir das allen lebensßarken Völkern eigene Streben, durch fein Dafein die Welt zu geßalten und vorbildlich zu leben, auch und befonders überzeugt für das jüdifche Volk anerkennen. Und niemand —' auch nicht Margulies — kann mir den Glauben nehmen, daß Volksgeiß und Tradition uns Juden befonders dazu berufen macht, im Geifie s der Völkerverföhnung und des fozialen Ausgleichs zu wirken und daß der Zwangscharakter des Gemeinwefens durch den jüdifchen Einheits* gedanken im Bewußtfein des Volkes gemildert erfcheinen wird. Und