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Der jüdische Wille · 1920-06-01 · Heft 6 (Juni 1920) · page 25

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 6 (Juni 1920)
Date
1920-06-01
Page
– (sequence 25)
Language
German
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HOLDHEIM, VOLK UND GEMEINSCHAFT 243 verband zwangsmäßig zufammengehöriger Menfchen maflen, Sittlichkeit zur Gruppen* bildung freier Perfonen.« Margulies befpricht nun an der Hand des Stammlerfchen Buches die Wurzeln der Gefellfchaft, die er zweckhaft nennt und als nur der Befriedigung der fozialen Bedürfnifle dienend betrachtet und ftellt ihr die Gemeinde <Gemeinfchaft> gegenüber, die »jenfeits aller Zweckhaftigkeit und Bedingtheit« liege. Es zeigt fich nun deutlich eine Tendenz, Gefellfchaft durch Gemeinfchaft zu überwinden. Als erfte Stufe auf dem Wege zur Ueberwindung der Unfreiheit erfcheint das Streben, den Staat, »diefen typifchften fachlichen Zwangsverband« durch die Blutsgemeinfchaft der Nation zu erfetzen. Doch auch die Nation befitzt alle Merkmale der Gefellfchaft. »Man wird in die Nation hineingeboren wie in den Staat, man kann fogar noch viel fchwerer aus ihr heraus als aus dem Staat.« Von Gefühlsgleichheit innerhalb der Nation kann ebenfowenig wie beim Staat die Rede fein, und man gelangt dazu, »das Recht und den freien Willen jedes einzelnen zu proklamieren, fich jener Nation anzufchließen, mit welcher er fich in Gemeinfchaft verbunden fühlt.« Die Nation wird nunmehr als freier Perfonenverband konftituiert. Doch auch diefer Schritt bringt nicht die erfehnte Freiheit, da auch die Nation nach freiem Perfonalprinzip ein Machtorganismus bleibt. Und auch die Eintragung in den nationalen Perfonalkatafter kann mit Indifferenz und nur unter dem Gebote fozialer BedürfnilTe erfolgen. Nur der Zufammenfchluß auf Grund freier Auswahl von Menfchen in der Gemeinde als höchfte Stufe menfchlicher Verbindungen Hellt fich als frei von jeglichem Zwange dar. Die Gemeindebildung ift an fich vom Völkifchen unabhängig, wird fich aber gewöhnlich auf Menfchen einer Nation erltrecken, und es handelt fich nur darum, ob der Kampf zur völligen Hegemonie der Gemeinfchaft über die Gefellfchaft oder nur zu einer Höherführung der letzteren unter Beibehaltung ihrer wefentlichften Bedingungen geführt wird. Die den erfteren Verfuch machen, verlangen von allen Nationsangehörigen eine Wiedergeburt im Geifte der Gemeinfchaft. Die Gegebenheit der Nation wird nicht mehr als verpflichtend hingenommen, fondern gewiflermaßen auf jene befchränkt, die den beftimmten Gemeinfchaftsforderungen entfprechen. Wie unmöglich es ift, mit höchften fittlichen Forderungen mehr als eine Gemeinde innerhalb eines Volkes zu vereinen, wie wenig es angeht, auf einer folchen Theorie die Eigenart eines Volkes aufzubauen, zeigt Margulies an Fichte, und gerade an Fichte, weil Fichtes Einfluß auf die Gedankengänge unferer zioniftifchen Gemeinfchaftstheoretiker unverkennbar ift. Die hiftorifche Situation Preußens nach dem Tilfiter Frieden wird entwickelt und die Lehren Fichtes hiermit in inneren Zufammenhang gebracht: Ethifierung der Menfchen und Abkehr von Weltwirtfchaft und Weltpolitik. Ausnahmslos in jedem Deutfchen müßte die neue Gefinnung, die bisher »nur wenige von Gott Begünftigte« aufwiefen, lebendig werden, da in ihr das eigentliche Wefen des Deutfchtums begründet fei, und wer die Verbindlichkeit der Fichtefchen Lehren für das ganze Volk nicht anerkannte, wurde als nicht mehr dem Deutfchtum zugehörig betrachtet. Margulies weift darauf hin, wie ifoliert Fichte mit feiner Anfchauung geblieben ilt und notwendig bleiben mußte, da Volk nun einmal mehr ift als eine philofophifch - ethifche Gemeinfchaft, aber noch mehr, er demonftriert den zioniftifchen Fichteanern, wie unfinnig es fei, diefe Forderungen, die Fichte als urdeutfch bezeichnet, die in Wahrheit aber international feien, nun für das Judentum als nur ihm eigentümlich zu reklamieren. Niemals hat das Judentum fie verwirklicht, die Propheten waren nur vereinzelte Mahner, und niemals wird fie das Judentum in feiner Gefamtheit verwirklichen können, da fie von keinem und auch nicht vom »auserwählten Volk« zu verwirklichen find. Margulies wendet fich entfchieden gegen die «Legende vom heiligen Volk«. Die Exiftenz eines folchen anzuerkennen, widerfpricht feiner Auffaflung von der »fynthetifchen Weltordnung«. Das Neue und Revolutionäre gerade des Zionismus ift die »Säkularifierung des Judentums«. Gcmeinfchaften, die fittliche Forderungen zu verwirklichen ftreben, find notwendig und gut. Aber fie dürfen nur neben und innerhalb der Gefellfchaft wirken. Die Gefellfchaft ift nicht auf individuellen, fondern auf fozialen Bedürfniflen aufgebaut. Sie verlangt oft Einfchränkung der Freiheit, wie fie der Einzelmenlch erßrebt Individualethik ift etwas anderes als Sozialethik. Das Vorhandenfein der fozialen Bedürfnifle, die zur Konftitution der Gefellfchaft geführt haben, mag als unerfreulich empfunden werden, aber es ift als naturhafte Gegebenheit anzufehen. Der einzelne kann feine materielle Exiftenz, ja fein Leben um der Vcr-

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