Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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242 HOLDHEIM, VOLK UND GEMEINSCHAFT und Bildung follte zu der — oft fauren —- Erkenntnis feiner eigenen Grenzen verpflichten. Indem Margulies ein fdhier unendliches Zitaten^ material an uns vorüberziehen läßt und mit der Gelehrfamkeit von Spinoza, Fichte, Hegel, Schopenhauer, Stammler, Michels, Guyau, Görland, Tönnies und vieler mehr oder weniger Großen unfer Denken förmlich betäubt, gelingt es ihm wohl, ein Staunen ob feiner Belefen* heit zu erregen, aber nicht ein einheitliches, überzeugendes Gedanken* fyßem vor uns aufzurichten. Man merkt bald, worauf er hinaus will, aber mit Wiflenfdiaft hat das alles nichts zu tun. Trotzdem rate ich den Interelfenten der zioniftifchen Theorie, lieh durch diefe Mängel nicht ablchrecken zu lalfen und tapfer durchzuhalten, da die Mühe durch die ausgezeichnete Darlegung der jüdifchen Situation reichlich belohnt wird. Um deswillen referiere ich über das Buch, und nur die Leitgedanken, die der Autor dort entwickelt, follen meinem anfchließenden Excurs als Grundlage dienen. * * * Margulies unterfiheidet drei »Hypothefen der Weltanfchauung« / die des Optimismus, des Peffimismus und der Indifferenz der Natur. Zu letzterer bekennt er fich. Die Natur iß amoralifch, fie fdieidet nicht zwifchen gut und böfe. Es gilt, die Sittlichkeit ihres metaphyfifchen Charakters zu entkleiden. Das »Du follß« muß zurückgeführt werden auf ein »Wir find« <Guyau, Sittlichkeit ohne Pflicht). Ziel der menfehlichen Handlung iß weder »das Gute, noch die Pflicht, noch das Glück«, fondern »ein Trieb, der urgewaltig in den einzelnen Menfchen erwacht und fie fich Untertan macht, daß fie weit über lieh hinauswirken, die engen Grenzen ihres Ich fprengen und die Gemein/chaft oder die Welt zum Gegenßand ihres Einwirkens wählen.« Frucht* barkeit, Intenfität wird fomit zum wefentlichßen Prinzip des fittlichen Lebens, das »völlig unabhängig ift von der Moralität der Natur.« Die Annahme, daß durch die Lehre von der Indifferenz der Natur der fittliche Anßoß gelähmt werde, ift irrig. Zwar »wird der Raum des Könnens begrenzt«, aber an den »ehernen Mauern der Natur zerfchellt jeder Wille, fie zu zerbrechen.« Natur hat oberftes Gefetz. Unfinnig und pathologifch iß menfihlicher Wille, der diefes nicht anerkennt. Im Rahmen der Naturgefetze »befitzt der Menfch ein befchränktes Reich der Freiheit, weit genug, um feine Lebenskraft überfchäumen zu laflen. Diefes teilt fich in zwei Ströme, in den Strom des Sittlichkeitsftrebens und den des Machtßrebens.« Erfterer findet feinen Niederfchlag im Recht, letzterer in der Wirtfchaft. Beide find als Komponenten des menfthlichen Lebens zu koordinieren, beide gleich zuwerten. Auf der Grundlage der Koordination diefer Kräfte baut nun Margulies eine »fynthetifche Gefchichtsauffaflung.« Die Gefchichtsauffaflung, die man gemeinhin als »idealifiifch« bezeichnet, lehnt er ab, da fie eine Verkennung der ökonomifchen Dinge involviere und dem Geiß <Hegel fagt Vernunft) zutraue, aus fich heraus, völlig vorausfetzungslos und unbedingt die Welt zu geftalten. Fehlt nun in der idealißifchen Gefchichtsauffaflung der Glaube an die Gefetzmäßigkeit gefchichtlicher Entwicklung, fo erkennt die materialiftifdie Gefchichtsauffaflung, die »als erfte den Begriff der Gefetz* mäßigkeit des gefellfchaftlichen Menfchendafeins als einen befonderen Gegenftand des Nachdenkens darftellte« <Stammler, Wirtfchaft und Recht), diefe als Herrfchaft der Materie über den Geift und erklärt alles Gefchehen aus ökonomifchen Gefetzen. Aufgabe der Gefchichtsphilofophie ift es nun, weder eine Darftellung der Wandlung des menfehlichen Geiftes noch eine Befchreibung der Volkswirtfchaft zu geben, fondern fie hat die gegenfeitige Bedingtheit zu erkennen und »das Parallelogramm der wider* ftrebenden Kräfte« als das Objekt der neuen Gefchichtsfchreibung anzufehen. »Gefchichte ift das Streben, menfehliches Zufammenleben fo zu geftalten, daß trotz der Wirtfchaft die Freiheit des Menfchen gefchützt bleibt. . . . Das Streben nach Freiheit ift das Streben des Individuums, fich der Gefellfchaft gegenüber zu behaupten, Machtßreben ift aflbziativ, Freiheitsftreben individuell / Wirtfchaft drangt zum Riefen-