Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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HOLDHEIM, VOLK UND GEMEINSCHAFT 241 deren. Der Zionismus iß heute fo ßark, daß er es gut vertragen kann, wenn feine Theorien einer rückfiditslofen Prüfung unterzogen werden und der Intellekt in feine Rechte tritt. Und nicht dadurch entßeht Gefahr, daß man mutig den Problemen ins Angefleht fchaut und aus* fpricht was ift, fondern nur dadurch, daß man die Widerfprüche, unter denen viele und die Beften leiden, übertüncht und immer neue Abgründe zwifchen Wort und Tat fchafft. Die Führer verfagen. »Prunkende, raufchende Worte, die feiertagsmäßig aufgeputzt daherftolzieren, Worte, die klingen, als könnten fie Sterne vom Himmel reißen, Worte in Hafchifch getaucht, trunkene Träume und Nebelwolken über die Schlaf* dürftenden breitend — und hinter den Worten klaffen Abgründe, ver* birgt fich leeres, nichtiges, ohnmächtiges Leben«. Die Jugend wird ver* wirrt. Sie muß es werden, wenn fie den Widerfpruch von Lehre und Leben erkennt und die großen Worte derjenigen zu hören bekommt, »die in der eigenen Unzulänglichkeit am deutlichften befangen bleiben und fich am hartnädrigfien ßräuben, fich ihrer Grenzen bewußt zu werden«. Aber auch »die den Zwiefpalt bei den Wortführern er* kennen«, bringen nicht den Mut auf, »ihnen die Gefolgfchaft und Freundfihaft zu verfagen, ihrem Auftreten die Legitimation und ihren Worten die innere Wahrhaftigkeit abzufprechen«. Margulies fürchtet, daß »aus dem Mangel an Kritik leidit ein Übermaß an Kritik werden kann, das uns nicht zum Guten gereichte«. Dem gilt es ihm vorzu* beugen. Und nicht gegen den und jenen Führer foll fich feine Kritik richten, nicht will er »fchnüffeln und nachfpüren, Inquifition treiben und vor das Tribunal fordern«, fondern zur Erkenntnis der Dinge beitragen, die fich ßärker erwiefen als der menfehliche Wille. Und offen bekennt er, daß feine Kritik »in einer Kritik gegen fein eigenes früheres Wollen und Sagen wurzelt«. Wer aus ähnlicher Erkenntnis der Unhaltbarkeit der gegen* wärtigen innerzionifiifchen Situation die gedankliche Überprüfung und gegebenenfalls die Revifion fo mancher aus unferem ideologischen Arfenal fiheinbar unlöslichen Vorßellungen als die Forderung der Stunde begriff, mußte nach diefem einleitenden Auffatze aufhorchen und mit Spannung abwarten, ob nun wirklich das Buch Klärung bringen würde. Kein Einfichtiger konnte annehmen, daß nun etwa Endgültiges gefagt werden licher Verfuch gemacht wird, Richtlinien für eine Revifion zu geben. Es fei vorweg bemerkt, daß midi das Buch infoweit recht befriedigt hat, als es zu Ergebniffen führt, die ich vorbehaltlos unterfchreiben kann. Warum aber der Autor glaubte, zu ihnen nur auf dem Wege über langatmige foziologifch*philofophifche Auseinanderfetzungen gelangen zu können, iß mir unerfindlich geblieben. Iß es fchon an fich wenig pfychologifch gedacht, in einer ausgefprochenen Tendenzfcfarift dem Lefer eine unverhältnismäßig ßarke Dofis geifiiger Kofi zuzumuten, fo wird die Sache peinlich, wenn man fühlbar fchwache wiflenfchaftliche Kräfie allzu unbedenklich wirtfehaften Geht. Man kann ein kluger Mann fein und über viel Bildung verfügen, ohne das Zeug zum produktiven Philofophen oder Soziologen in fich zu haben, und geraae Klugheit konnte ja nur fein, daß hier ein taug*