Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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WIENER, WIRKLICHKEITSDEUTUNG 239 fehnfüchtigen Arbeiten, Vorwärtsftürmen, fich nie Genug*fein*lalfen, das feinen fpecififchen Ausdruck in der eigentümlichen Kunfi diefes Weltgefühls, in gotifchen Domen, Ölmalerei und Mufik gefunden hat. Das letzte und höchfie Phänomen diefer Kultur —* und jetzt wiffen wir genau, wohin die Reife geht — aber iß die Moral. Sie fei ein fpecififch wefieuropäifches Erzeugnis. »Der wefteuropäilche Menfch ßeht hier unter dem Einfluß einer ungeheuren optifdien Täufchung/ jeder ohne Ausnahme. Alle fordern etwas von dem andern ,- ein »Du follfi« wird ausgefprochen in der Überzeugung, daß hier wirklich etwas in einheitlichem Sinne verändert, geßaltet, geordnet werden könne und mülfe. Der Glaube daran und an das Recht dazu iß unerfihütter* lieh. Hier wird befohlen und Gehorfam verlangt. Das erfi heißt uns Moral. Im Ethifchen des Abendlandes iß alles Richtung, Machtanfpruch, gewollte Wirkung in die Ferne. In diefem Punkte lind Luther und Nietzfche, Päpfie und Darwinifien, Sozialifien und Jefuiten einander gleich. Ihre Moral tritt mit dem Anfpruch auf allgemeine und dauernde Gültigkeit auf. Das gehört zu den Notwendigkeiten faußifchen Seins. Wer anders denkt, fühlt, will, iß fihlecht, abtrünnig, ein Feind. Man bekämpfi ihn ohne Gnade. Der Menfch foll . . .« <S. 465.) Diefer Gedankengang verfälfiht die Wahrheit in einer Weife, die felbfi für diefen Gefthichtsbetrachter ungewöhnlich iß. Das Dynamifdie in der jüdifih^chriftlichen Moral, und zwar in derjenigen des alten und neuen Tefiamentes, die doch reichlich taufend Jahre vor dem Auf* kommen des »gotißhen« Geifies abgefihloffen waren, zu verkennen, das iß eine Ungeheuerlichkeit. Hat es je Menlchen gegeben, die mit fo leidenfehaftlichem Feuer wie die israelitifchen Propheten eine ethifche Offenbarung verkündet haben, die fofort in unmittelbarer Lebensbewährung von Menlchen für Menlchen zu verwirklichen fei? Und der Gott der Propheten, der furchtbar eifervolle, iß er nicht voller Willen, Kraß, Bewegung, Sehnfucht, unhemmbarem Drang, fein Wort durch die Menlchen erfüllt zu fehen? Mit welcher Unbefangenheit wird dem Menlchen die Freiheit des Willens, Selbßtätigkeit, Schaffenskraft zu* erkannt? Wird hier etwa nicht befohlen und Gehorfam verlangt, und heißt das nicht dem jüdifchen und auch dem chrifilichen Menlchen erß Moral? Wie aber ßeht es um die Unbedingtheit der Forderung? Altes und neues Tefiament lind hier von einem Geiß: dem jüdifchen. (Ob auch arabilchen, das zu beurteilen, heben wir uns auf, wenn wir, fiatt der bisher nur hingefireuten Bemerkungen über das Eigentümliche der arabilchen Seele, die nichts Überzeugendes hat, die für den zweiten Band verfprochene fyfiematifche Analyfe betrachten werden.) Der Gott, der feinem Gläubigen befiehlt, fein Wort um kein Titelchen zu mehren oder zu mindern, der eifervoll die Sünden der Ahnen an der Ge* fchlechter Reihen zu ahnden droht, oder der Chrifius, der fein gewal* tiges »Ich aber fage Euch« hinausfchleudert, lie wollen die Welt nicht bewegen, revolutionieren, befler machen? Freilich Geht Spengler felbfi im Chrifientum Spuren des faufiifihen, will fagen des »gotifihen« Geifies. Aber »nicht das Chrifientum hat den faufiifihen Menlchen, er hat das Chriften* tum umgeformt. Der Wille zur Macht auch im Moralifchen, die Leiden*;