Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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238 WIENER, WIRKLICHKEITSDEUTUNG fdion erraten. Dem Ideal diefes Heroismus wird natürlich entgegen* gefetzt der <nein, nicht der Jude) Engländer, der Wikinger, der raffende Räuber, der Weltausbeuter, der den Plunder des ganzen Erdkreifes zufammenträgt, um ein Wohlleben zu führen. Beide find Eroberer* naturen, Herrenmenfchen, und nur dem Herrn, dem Eroberer gehört die Welt. Die Weife klingt nicht ganz neu / fie ift nur eine neue Variation des Themas »Händler und Helden«, »Krieger und Krämer«. De gustibus non est disputandum. Aber wenn Fichte Recht hat mit der Behauptung, was für eine Philofophie jemand hat, das hängt davon ab, was für ein Menfih er ift, fo fehen wir wieder einmal, daß die hier vorgetragene Weltanfdiauung vom Qbermenfchen jedenfalls die Philofophie eines Nicht*Menfchen, eines Noch*ni<ht*Menfchen, bedeutet. Es ift ein furchtbares Schaufpiel, zu fehen, was die Deftillation der unentwegten Räflenpfydiologen zufammenbraut. Aber eine ernfthafte Diskuffion ift unmöglich, wenn nicht nüchtern*befonnenes Wahrheits* fuchen die Zügel führt, fondern das Beftreben, feinem Selbßgefühl um jeden Preis zu dienen. Vom »Untergang des Abendlandes« wird die Lefer diefer Zeit* fdirift vor allem die vorausgefchickte Inhaltsangabe des zweiten Bandes intereffieren, die »welthiftorifche Perfpektiven« verheißt. Dort wird eine Würdigung des Judentums unter Gruppe III »Probleme der arabifihen Kultur« angekündigt. Der erfte Band befpridit jüdilche Dinge nur ganz gelegentlich, aber manches fcheint doch fihon durch, fo z. B. in der Be* handlung, die Spinoza zu Teil wird. Goethe hat als das Wefen des Judentums höchfte Energie empfunden. Spengler konftruiert als ein das arabifche, das magifche Lebensgefühl auszeichnendes Moment den Mangel der Empfindung für das Dynamifche, für den Kraftbegriff ,- der gehöre vielmehr dem zu Beginn des zweiten Jahrtaufends unferer Zeit* rechnung emporkommenden gotifchen Kulturkreis an, und da Spinoza dem maurifch * jüdilchen Dißrikt des Geiftes einzuordnen fei, falle er völlig fchon aus diefem Grunde aus dem philofophifch * gefchichtlichen Gedankengang der Galilei und Descartes heraus. Man foll auch an die Kabbala und andere jüdilche Religionsphilofophen denken. Wäre es nicht viel einfacher, ah etwas anderes zu denken, an die eleatifch* infpirierte Ideenlehre Piatons, felbft an den Gottesbegriff des Ariftoteles, den feiiges Sich*felber*Schauen charakterifiert? Es erfcheint vielleicht kleinlich, wenn eine folche Geringfügigkeit herausgegriffen und zum Gegenftand einer befonderen Kritik gemacht wird. Aber diefe Spinoza*Auswertung hat die allergrößte fympto* matilche Bedeutung, und hier wird fich zeigen, wie diefer Gekhichts* philofoph, der wie alle vorangegangenen die Menfthheitsentwicklung zum allererften Male ganz objektiv anzufchauen verfpricht, in feiner Voreingenommenheit das Händgreiflichfte überfieht. Die abendländilche Kultur, die auf dem beften Wege ift, in Civilifation zu erftarren, zu verfteinern und fo fich aufzuheben — daher der Titel des Buches —, foll ßreng gefchieden fein von der antiken, d. h. griechifch * römifchen fie ift als eine Ausweitung des Gotifchen zu betrachten, und das Gotifche hat feinen Kernpunkt im Unendlichkeitsftreben, in jenem Drängen und