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Der jüdische Wille · 1920-06-01 · Heft 6 (Juni 1920) · page 19

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 6 (Juni 1920)
Date
1920-06-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
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WIENER, WIRKUCHKEITSDEUTUN0 237 -I—ftni WIRKLICHKEITSDEUTUNG BEMERKUNGEN ZU O. SPENGLERS GESCHICHTSPHILÖSÖPHIE Oswald Spengler hat dem erßen Bande feines Werkes »Der Untergang des Abendlandes« eine Skizze über »Preußentum und So* zialismus« folgen laflen. Wir find ihm dafür dankbar, weil wir to an einem Ausfdinitt konkreter Wirklichkeit, die uns allen in den Gliedern ßeckt, fo etwas wie eine Erprobung feiner gefchichtsdeutenden Theorie demonitriert erhalten. Dankbar, auch wenn wir uns nachträglich ent* täufcht fühlen. Spengler beginnt fein Hauptwerk mit dem Satze: sin diefem Buche wird zum ersten Male der Verfuch gewagt, Gefchichte voraus zu beßimmen. Es handelt fich darum, das Schickfal einer Kultur, und zwar der einzigen, die heute auf der Erde in Verelendung be* griffen iß, derjenigen Weßeuropas, in den noch nicht abgelaufenen Stadien zu verfolgen.« Die Zukunftsbeßimmung iß offenbar bedingt durch richtige Deutung des Sinnes der Gegenwart. Beßeht der Autor in diefer verhältnismäßig einfachen Aufgabe die Probe fo gut, daß wir ihm vertrauensvoll in die unermeßlichen Weiten all der Kulturen folgen dürfen? Nein! »Preußentum und Sozialismus« iß eine nationalißifche Tendenzfihrifi von reinfiem Wafler. Es gelchieht nicht zum erßen Male darin irrt der über feine Originalität ofimals recht fihlecht unterrichtete Autor ~*f daß diefe beiden Begriffe mit einander gleich gefetzt werden. Spenglers Verfahren zeigt nichts von einem durchdringend fcharfen Blick für das Wirkliche, nichts von Sorgfamkeit in der Auseinanderhaltung disparater Dinge, leißet aber Außerordentliches in der Auffiellung von vagen Kombinationen und fchillernden Anti* thefen, deren Schwäche zu feinem Unglück fich für diefe vom vollen Tageslicht beglänzte Gelchichtsperiode viel deutlicher herausßellt als für die unnennbaren Weiten und Tiefen, in die feine große Gefchichts* philofophie fich hineingräbt. Worin beßeht die Einheit von Sozialismus und Preußentum? Beides fei der Dienß des Einzelnen am Ganzen; die Unterordnung des Individuums, feine Eingliederung in eine Totalität. Indem Friedrich Wilhelm I. den preußilchen Beamtenßaat gründete, fein großer Sohn das Wort von dem König als dem erßen Diener des Staates nicht blos ausfprach, fondern durch die Tat bewährte, fei der »wahre« Sozialismus in den Sattel gehoben worden. Denn der be* deute nicht das ablcheuliche Ideal des größtmöglichen Glücks der größte möglichen Menge, kein proletarilches Phäakentum, wie der an englifchen Ideen orientierte Karl Marx es neidifchen Spießern vor Äugen gehalten, fondern er iß Strenge, Herbheit, Arbeitsorgainifation, die jeden an die rechte, von ihm auszufüllende Stelle fetzt, auf daß das Ganze gedeihe. Der Preuße in diefem Sinne iß der Nachfahre des Ordensritters, der in den unwirtlichen Oßen zog, nicht um ein Glück zu finden, fondern um durch zähe, mutfelige Arbeit eine Welt neu aufzubauen, um zu fchaffen, zu leißen. Nach diefem Auftakt kann man das andere beinahe

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