Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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STRAUS, VOM FALSCHEN GEIST DES JUDENTUMS 231 den politifdh ftärkften Völkern auftritt, die einer Lebenslüge am eheften entraten könnten, beweifi mit Sicherheit feine natürliche Wahrheit. Aber auch tatfächliche Wirkungen gehen von diefem Glauben aus: iß es nicht ficher, daß der Glaube an den zivilifatorifchen Beruf viele Härten der englifchen Kolonialpolitik gemildert hat? Hat nicht tatfäch* lieh der Glaube an die »Grande nation« den Glanz franzöfifcher Waffen* und Kulturtaten erhöht? Haben nicht gerade die beßen Deutfchen bewußt und unbewußt fehr vieles bewirkt, an dem die Welt genefen könnte? Das find nur die anderen, bei denen man vielleicht noch bezweifeln kann, ob fie einen Beruf in der Gefchichte fichtbarlich ausgefüllt haben. Aber bei den Juden kann man das nicht bezweifeln, und man ßeht vor diefem Grad von Zweifelfucht, ja Ab* neigung, gegen die leitende Idee der eignen Gefchichte bei diefen »formal-nationalen« Zionifien vor einem Wunder. Zu einer Zeit, wo deutfehe Jünglinge in jugendlicher Verfiiegenheit die Sonnwendfeier und den Wotanskult wieder beleben wollen, kann die Organifation, die die jüdifch^nationale Erneuerung zum Programm hat, die tieffien Kräfie ihrer Gefchichte bewußt verleugnen. Natürlich verleugnet fie fich felbfi damit, und müßte fich alle Zukunfi damit abfehneiden — wenn nicht andere Dinge wirkungsvoller wären als die Theorien einiger »fcharfer Köpfe«. Es iß kaum faßbar, daß — mindeßens in der Theorie — der nationale Standpunkt dabei viel eher von den Affimilanten vertreten wird, während viele Zionißen, im Empfinden, daß von den altjüdifchen Religionsformen manches antiquiert fei, zugleich den ganzen Geiß der Vergangenheit finnwidrig mit über Bord werfen. Diefes nicht eben nach nationaler Wiedergeburt, fondern nach wohlbekannter Selbfideklaffierung riechende Großreinemachen nennen fie »Galuthverneinung«. Wörter ßatt der Begriffe! Aber das intereflantefie dabei iß, daß diefe abfichtslofe, aber anfefaeinend notwendige Mißachtung des eignen nationalen Paniers, diefe vollkommene Unficherheit der Infiinkte und Verwirrung der Begriffe begreiflich wird nur durch das eine: durch das Galuth. Diefe galuthentfproflenen »Galuthverneiner« merken gar nicht, wie fehr fie felbfi dem Galuth verfallen find. VI Denn die Verwirrung der Begriffe kommt von der Zerfiörung der jüdißhen Lebensinhalte durch die Diafpora, vor allem feit der Judenemanzipation. Die emanzipierten Juden haben in drei Generationen, und vielfach fihon früher, längfi vergelten, was »jüdilch« iß. Die Zionifien unter ihnen aber haben wieder gelernt, was »national« ift,- bleibt nur, daß fie auch Erkenntnis darüber gewinnen, was »jüdifih* national« iß, damit fie nicht in harmlofer Verwechslung eines Tages einem armenifefaen oder botokudilchen Nationalismus verfallen. Nun iß natürlich, was an nationaler Kultur verloren iß, nicht von heute auf morgen wiederzugewinnen. Aber noch iß nicht alles verloren, noch iß mancherorts von dem Saft zu haben, der in alle Erniedrigung den Juden das nationale Selbfibewußtfein erhalten hat. Betrüblich iß bei jenen FormaMNtationalen nun nicht, daß fie nichts mehr wiffen von