Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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230 STRAUS, VOM FALSCHEN GEIST DES JUDENTUMS Ein fehr finnvolles Rezept: Diefe Selbftändigkeit war keine äußere, politifdie, vergängliche, fondern eine innere, geißige, immanente. Und wie war fie im einzelnen belchaffen? Sie beruhte darauf, daß das Schwergewicht der nationalen Politik aus dem gegenßandslos gewordenen Staatsgedanken in die einzelne Persönlichkeit verlegt wurde. Die Perfönlichkeit allein konnte durch entfpredienden Lebenswandel die Wiederkehr der ßaatlichen Selbfiändigkeit beßhleunigen oder verzögern. In der Perfönlichkeit lag die jüdtfihe Zukunft befchlolfen. Nie hat eine fo klare, Ichöne und wirkungsvolle Demokratie die Gefchidke einer Nation auf das Wollen und Können jedes VolksgenolTen aufgebaut. Die zwei Jahrtaufende Galuthgefthichte und die Entfiehung des Zionis* mus felbfi am Ende diefer Zeit beweifen, welche fabelhafie politifdie Tragfähigkeit diefe Methode befitzt, das Gemeinwefen auf die fittliche Einzelperfönlichkeit aufzubauen. Ja, man fagt gar nicht genug, wenn man erklärt, die Begründung des politilchen Gemeinwefens auf die fittliche Einzelperfönlichkeit habe das Gemeinwefen erhalten. Weit mehr, fie hat das Individuum immunifiert gegen körperliche Krankheiten und gegen geifiigen Verfall -~ und zu beidem wäre doch in einer langen und fchweren Vergangenheit reichlich Gelegenheit gewefen — und dadurch ein un* bedingtes Interelfe des Individuums am Befiand der Gemeinfchafi begründet, ein Interelfe, das weit über die bloße religiös-geifiige Ver* ankerung in der Gemeinfchafi hinausging und wiederum rückwirkend den Befiand der Gemeinfchaft von neuem fiärkte. Ohne diefen »inhaltlichen Nationalismus«, der das fittliche Bewußtfein zum Gegen* fiand hatte, wäre der zweite Tempel 400 Jahre früher untergegangen, wäre der Fortbefiand der Juden in der Diafpora unmöglich gewefen und wäre auch der »formale Nationalismus« — diefe Zwitterfchöpfung von Geift und Politik, die weder Geift noch Politik ifi — von deutfchen Zioniften des 20. Jahrhunderts nicht erfunden worden. V Wir wollen nun dem Urfprung diefes »formalen Zionismus« nachgehen und erft fehen, wie er begründet wird, und nachher, wie man zu diefer Begründung kommt. Wir befchränken uns auch dabei auf die Gründe, die dem hiftorifcfaen* und Tatfachengebiete entnommen find. Man begründet den formalen Nationalismus mit dem Hinweis darauf, daß faft alle Völker lieh mit einem nationalen Beruf dekorieren, während in Wahrheit von der Ausübung eines folchen Berufes durch die*Völker nichts fichtbar werde. Der inhaltliche Nationalismus erweife fich dadurch lediglich als eine fubjektive Wahnvorfiellung ohne objektive Berechtigung. Diefe Schlußfolgerung entbehrt aller Sachlichkeit. Man kann natürlich die objektive Richtigkeit des Glaubens der Völker an ihren Beruf niemals nachweifen oder abfireiten, fo wenig wie man einen ähnlichen Glauben beim Individuum beftreiten kann. Höchfiens die Leifiung als folche, die Erfüllung des Berufes, kann man leugnen,- das aber berührt die Frage der Exiftenz des nationalen Berufes nicht. Bei fachlicher Überlegung muß man genau gegenteilig fchließen: daß der Glaube an den nationalen Beruf fehr häufig <oder allenthalben?> und gerade bei