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Der jüdische Wille · 1920-06-01 · Heft 6 (Juni 1920) · page 11

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 6 (Juni 1920)
Date
1920-06-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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STRAUS, VOM 'FÄLSCHEN GEIST DES JUDENTUMS 229 gleichfetzt, oder ob man Ichließlich in überlchäumendem Ichgefühl mit höchßer Subjektivität das Judentum nur in den Ideen der eigenen werten Perfönlichkeit finden kann ~* all diefe vermeintlich einander konträren Auffaflungen haben das gemein : daß fie an der Wirklich* keit des Judentums gemeflen niefit ßandhalten. Suchen wir die Wirk* lichkeit, d. h. das Galuth, in feinen Wurzeln auf! Es iß allerdings anzunehmen, daß die alten Israeliten ein Volk waren mit vorzugsweife politilchen Bedürfniffen, wie andere Völker auch. Sicher iß aber, daß der zweite israelitifche Staat, der Staat der Männer der großen Synode, fchon ein wefentlich geifiiges Gepräge hat. In immer höherem Grade werden Staat und Volk als Träger einer fittlicfaen Aufgabe aufgefaßt, und nur die Entfchlolfenheit, den Staat für diefe Aufgabe zu erhalten, gibt den Juden die Möglichkeit, ihre politifche Exifienz inmitten zahl* lofer, um vieles fiärkerer Feinde zu erhalten. Umgekehrt erfchüttern diejenigen Hohen Prießer und Staatsmänner, die wie die Menelaus oder Hyrkanos aus Ehrgeiz oder Schwäche nur mehr einen politilchen Faktor im jüdifchen Staatswefen erblicken, das Staatswefen felbß in feinen Grundfeßen. Denn diefer Staat beruhte auf denen, die um des Tempelbaues willen aus der reichen babylonifchen Ebene in das arme judäifche Gebirge ausgewandert waren,- er war wirtfchafilich und politilch nur eine arme Bauernkolonie/ nur durch die Intenfität des nationalen Selbfibewußtfeins bemerkenswert und von den Seleucidenkönigen über Gebühr gefürchtet,« aber politifch im modernen Sinne ohne Entwicklungs* möglichkeiten, denn das Streben ging allein dahin, den kleinen Staat nach einer unpolitidhen Idee auszugeßalten. Diefen Staat und diefes Volk zu »politifieren«, hieße fie ruinieren: und fo geföhah es denn auch, als durch den Hellenismus und die Römer getrennte Welten ineinander verfihmolzen, daß dann die Bauern der judäifthen Berge in den politilchen Strudel hineingerifien, die Grundlagen ihres Staates verloren. Die Scharen des Prießers von Modiin hätten wie den fyrifchen Heeren vielleicht fogar den römilchen Legionen trotzen können,- aber die Bevölkerung war in fich zerfallen, der einheitliche Geiß der Nation, das einzig wirklich fiarke Bollwerk politilcher Sicherheit, war verloren gegangen. Wie ßark diefes Bollwerk war, zeigte fich alsbald: die Juden ohne Staat, ohne politifche Vertretung beßanden als nationale Gemeinßhafi weiter, und die Standhafiigkeit ihres nationalen Dafeins fetzte wie vorher die Aegypter, Syrer und Römer, fo jetzt in der Diafpora die ganze Welt in Staunen. Der Jude wird die fremdartige Erftheinung, die über andere als die normalen menfchlidhen Eigen* fihafien zu verfügen fcheint und bei der das chrißliche Volk alle un* und übermenfchliche Ruchlofigkeit als möglich, ja als wahrfcheinlich betrachtet. Nun hatte die Idee des Tempels und des Gottesfiaates dem zweiten israelitifchen Staate die politifche Selbfiändigkeit unglaublich lange Zeit erhalten,- was aber gewährleifiete den fiaatslofen Juden der Diafpora zweitaufend Jahre lang eine widernatürliche nationale Exißenz?®) *> Anmerkung: Klatzkin, Probleme des modernen Judentums, fagt: Das Gefetx, »der tragbare Exilsftaat«, habe die nationale Exiftenz erhalten. Richtig. Was aber fchützte diefen fonderbaren Exilsftaat für 2000 Jahre vor dem Untergang?

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