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Der jüdische Wille · 1920-06-01 · Heft 6 (Juni 1920) · page 10

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 6 (Juni 1920)
Date
1920-06-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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22Ä SfRÄUS, VOM FAUCHEN GEIS? DES JUDENTUMS jüdifthen Liberalen, die das nationale Judentum bekämpfen, die geiftigen Waffen, die fie anwenden, mit Recht führen. Es iß vollkommen begreiflich, daß die »Proteftrabbiner« über eine rein nationale Exifienz des Judentums fo entfetzt waren und ebenfo wie alle Gegner des Zionismus diefen Begriff als »unjüdifch« ablehnten. Tatfächlich find feit Esras Zeiten die Juden keine »Nation« gewefen in dem Sinne, in dem fie angeblich die Zioniften als Nation bezeichnen. Und es zeigte fich auch, daß mancher Proteftrabbiner mit der Zeit Interefle für den Zionismus gewann, als man fah, daß diefer nicht ganz dem Zerrbild entfprach, das man fich von ihm gemacht hatte, und wenn diefe Gegner dann trotzdem in einer gemäßigteren Gegnerfchaft verharrten, fo lag der Grund fpäterhin allerdings mehr in der politifchen Ängftlichkeit. Leider kann man nun nicht fagen, daß fich die Ideologie des Zionismus feit den Tagen der Protefirabbiner wefentlich geklärt hätte. Es gibt wirklich viele unter uns, die den Begriff von der reinen, an keine geiftigen Bedingungen gebundenen jüdifchen Nation als den wert* vollften, ja als den eigentlichen Gedanken des Zionismus betrachten. Und ein Teil der deutfdien Zioniften läßt fich davon düpieren, obwohl diefer rein »formale«, d. h. ausfchließlidh politißhe Zionismus (ich mit ihrem inneren Gefühl von Judentum keineswegs deckt. Die Folge ift, daß fie vom Zionismus, d. h. von diefem rein formalen Nationalismus, nicht mehr innerlich ausgefüllt werden, und es ift kein Wunder, daß diefe Erfcheinung an jungen Menfchen befonders deutlich wird, deren Denken den prinzipiellen Dingen mehr zugewandt ift, als den praktifchen und politifthen. Wie fehr hiftorifch unwahr die Idee vom Judentum als »reiner Nation« ift, wird durch nichts ßhlagender bewiefen, als durch eben diefes auf der ganzen Linie bei den Proteftrabbinern fowohl, wie bei der zioniftifchen Jugend fo ftarke Bedürfnis, das Judentum geiftig zu begründen. Man kann diefes Bedürfnis bedauern und es als »Galutherfdieinung« diskreditieren, aber gerade der Politiker kann nicht umhin, damit zu rechnen, und es ift lächerlich, diefe Erfcheinung als eine Verftiegenheit der Jugend abzutun, wo doch das Bedürfnis, im Judentum mehr als eine bloße Nation zu fehen, feit alters in allen Kreifen zu Haufe ift. Vollends unbegreiflich aber ift, wie man aus dem Umftand, daß diefes felbe Bedürfnis auch die Liberalen haben, Ichließen kann, es müfle für einen Zioniften widerfinnig fein. Der gegenteilige Schluß allein ift richtig,- an einem Gedanken, den Freund und Feind gleicherweife haben, muß etwas Wahres fein. Und diefer fallche Sdiluß verrät wiederum wenig politifches Urteil bei denen, die fich als Anhänger des »formalen Nationalismus« und als die Banner* träger eines politifthen Judentums betrachten. IV Die ganzen Diskuffionen über die geißige Eigenart des Judentums leiden daran, daß man nicht von den wirklichen Erfdieinungen ausgeht. Ob man fälfehlich fagt, die jüdifche Nation fei eine Nation wie jede andere oder ob man auf Grund irgend einer Reminifzenz aus der alt* israelitifdhen Gefchichte das Judentum mit der fozialiftifchen Ideologie

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