Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/2827066-2827074-2827079--0653-2827759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
224 RWUK GENESIS DES ZIONISMUS nicht die Vergangenheit als nachahmenswertes Mufier), veranlaßt fie, das Volk zur Annahme ihrer Ethik zu zwingen, um es zu belfern. Es gibt nach ihnen aßfofut gute Sitten, es gibt eine fiöfiere Sittlichkeit, von der der Menfch abweicht, die er aber als Ziel anßreben foll. So liefern die Propheten ein Berfpiel des wahren Arißokratismus und geben den Anftoß zur Schaffung eines wahren Ideals des Adels. Dies iß das zweite Stadium. Der Wunfeh zu belfern iß nicht durch äußere Umfiände ein* gegeben / denn die Sitten des alten Israel find nicht ungewöhnlich khlechte, verderbte. Sie unterIcheiden lieh in jener Zeit durch nichts von denen anderer, benachbarter Völker. Die Selbßbelferung, welche die Propheten fordern, iß ganz anderer Natur. Sie iß eine Entwickelung der Aaligkeitsidee. Aus Stolz fireben fie die Ueberlegenheit an, aus Geringichätzung der andern — die Strenge mit (ich felbft/ aus Selbft* befriedigung — die innere Arbeit an fich. Das ifi die Entwickelung, die aus dem erßen Stadium ins zweite hinüberführt. Das Volk fcßätzte fieß höher als die andern, — das Volk will beffer fein als die andern. Die ganze Predigt der Propheten iß ein Zeugnis der Entwickelung und des Wachfens von der Schwäche zur Kraft, von der Naivität zum Ernß. IV Der Zionismus iß ein Verfuch ein normales Judentum zu Ichaffen. Das Judentum des Golus ifi anormal. Seine Tätigkeit und fein Schaffen entbehren der Freiheit. Die Produkte diefer Tätigkeit und diefes Schaffens entfiehen unter dem Einfluß und dem Druck äußerer Bedingungen. Diefe fordern ein intenlives Belchützen, Verteidigen, Abwehren. Der Zweck der Tätigkeit ifi die Verteidigung, das Ziel der Verteidigung — der nationale Charakter. Zur Erhaltung diefes Charakters wird alles aufgeboten. Das Wefen ifi zugleich Urfache und Selbfizweck, Kraft und Bewegung. Diefes Wefen, das hermetißh verfihloffene, ohne Wachfen und Ent* Wickelung, wird, unangetaftet durch eine Reihe von Jahrhunderten, durch eine Reihe von Ländern hindurchgetragen, um am Ende demjenigen Gelchlecht anvertraut zu werden, welches lieh würdig erweifen wird, das latente Wefen in das des Lebens zu verwandeln. Die Bewegung, welche die Wiedergeburt des Judentums in fich fchließt, ifi an eine Bedingung gebunden. Der Inhalt diefer Bewegung foll nicht ein beliebiger fein, fondern ein befiimmter/ nicht der freie Ausdruck des heutigen Gefchmacks und der Forderungen des Tages, fondern die notwendigie Fortfetzung des vergangenen Ideals und der früheren Befirebungen <— fo lautet aas Pofiijlat für eine normale Ent* widjelung der Bewegung. Eine Bewegung, welche diefen Forderungen entfpricht, ifi die wahre jüdifeße Bewegung, die jüdifeße Renailfance. Der Zionismus muß das jüdißhe Wefen zu Fleifch werden laflen. Dies ifi die Grundbedingung feines Aufblühens, die Frage feines Be* fiehens. Als Verwirklichungsprozeß trägt er den Charakter der Be* lebungf des Großen Erbes, Das ifi die reinfte Form des Zionismus.