Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1920-06-01 · Heft 6 (Juni 1920) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 6 (Juni 1920)
Date
1920-06-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2827066-2827074-2827079--0651-2827757
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

222 RIWLIN, GENESIS DES ZIONISMUS torium, die Sprache und die Verwaltung dienten ihnen als Ifofatoren. Das Judentum befaß den Göfus und den Witten tum Leßen. Und auf diefem Boden wurde der komplizierte, aber feße und zuverläffige Bau der jüdifihen Religion errichtet. Das Zief war die Erhaltung des Judentums, das Mittti" dazu die Religion. Aber bei der anhaltenden Verwendung eines Mittels gefchieht es oft, daß diefes felbß zum Ziel wird. Die Verwechslung, durch welche die Religion der Thora zum Selbfizweck erhoben wurde, wird für immer die höchfie Etappe bleiben, die der jüdifche Gedanke zurückgelegt hat. Aus der Notwehr flüchtete fich der jüdifche Gedanke zur Befihaulichkeit / aus der Verteidigung zur Untätigkeit / aus der Aktivität zur Paflivität. h Der Golus iß für das Judentum eine paffive Verteidigung feiner Werte. Diefe Werte find zweierlei: die Gefchichte der unabhängigen Exifienz und das geißige Schaffen in diefer Periode. Die Tätigkeit im Golus nach dem endgültigen Verluß der politifchen Selbfiändigkeit find Prozente, welche auf das paffive, ohne Verwendung gebliebene Kapital angewachsen find. Die Verteidigung verbot alle Neuerungen, ohne welche der Fortfehritt undenkbar iß. Die Verteidigung hielt die J>e* flehenden Werte gleichfam in einer eifernen Truhe fefi, in der fie nach keiner Richtung hin wachfen konnten. Die Werte wurden nicht in Umlauf gebracht, der fie hätte vermehren und entwickeln können. Im Golus mußten die jüdilchen Werte bewegungslos bleiben, denn ihre Befiimmung war nur die Verteidigung. In diefer Entwidmung find neue Efemente inbegriffen, fowie in kleinerem oder größerem Maße die Kritik des Aften. Jede Evolution iß eine lange dauernde Revo* lution. Die Revolution aber war gefürchtet. Revolution iß Neuerung Das Neue könnte auch nicht die Entwicklung des Alten, die Erhaltung des »Ichs« fein, fondern neue Ideale in fich tragen. Der Zweck der Erhaltung iß zu teuer, die Verlockung des Neuen vermag davon nicht abzubringen, und fo wird das jüdilche Volk nach Geiß und Lebensführung zum konfervativfien Volk auf Erden. Sein Leben wird durch Normen und Anlchauungen geregelt, die vor Jahrtaufenden geichaffen find/ es felbß, Zeuge der größten Ereignilfe der Weltgefchichte, bleibt das, was es früher gewefen iß: Hellenismus, Chrifientum, Reformation, Demokratismus ziehen, ohne es zu berühren, an ihm vorbei. II Die Entfiehung und der Untergang von Staaten und Völkern, die Geburt, das Wachstum, die Blütezeit, das Altern und der Tod — das find Bändige, periodifdie Erfcheinungen. Ein Volk, das ein nationales Leben hat, kommt zum Verfall. Ein Volk bedeutet einen Organismus. Je mehr Lebensenergie ein Organismus verbraucht, um fo Ichneller tritt die Erfchöpfung ein. Das Judentum hat fich nie in einem diefer Stadien des Volkslebens befunden. Der Golus iß kein Leben und kein Wachs* tum,- aber er iß auch kein Tod und kein Untergang. Der Golus iß ein befonderer "Zufiand, eine Art Schlaf, weder Tod noch Leben, in ihm iß weder Bewegung, noch Ruhe. Der Schlaf zählt nicht in der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.