Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1920-03-01 · Heft 4-5 (März 1920) · page 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 4-5 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
– (sequence 47)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/2827066-2827074-2827078--0641-2827746
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

NEUE BÜCHER 217 fozialer Entwiddung und Erziehung und gab gerade dadurch die Kräfte des na* tionalen Lebens, welche zwifchen Indivi* duum und allmenfchlicher Gemeinfchaft die Brücke bilden, den finfteren Mächten in den Völkern preis, all jenen, welchen Nationalgefühl nur potenzierter nationaler Egoismus bedeutet. Aber der wahre Nationalismus ftelft in jedem Volke einen Zug ins Allmenfchliche dar. Die Völker müflen erft freie und verpflichtete Glieder eines umfallenden Völkerorganismus bilden können. »Nur dann wird ein Volk nicht das Schwert gegen das andere erheben, wenn nicht nur Menfchen die Pflicht haben, aufrichtig zu fein, wenn nicht nur Menfchen einen Willen haben, groß zu fein und zu leben, ibndern wenn Völker nach Größe, nadi menfchlich*kosmifcher Größe ftreben, wenn ein Volk des anderen Seele fühlen wird, wie es feine eigene Seele fühlt, das heißt im Grunde, wie wir fahen, wenn es feine eigene Seele fo tief als möglich zu fühlen vermag«. Und gerade die Arbeit, <leren feelenlofer Internationalismus im Weltkriege unbedingt verfagt hat, bedarf der Nationalifierung : der Einteilung in den großen Entwicklungszug des Volkes. Gerade fie ift es ja auch, welche aus der Hinwendung zu ihren natürlichen Grund* lagen, welche eben die des Volkes felber find, allein die Heilung des fozialen Welt* Übels befördern kann. In diefer Forderung der Nationalifierung der Arbeit berühren fich alfo die allgemeinen Notwendigkeiten der Zeit mit jenen des jüdifch*paläftinen* fifchen Neuaufbaues. Denn Palältina ift in den Augen Gordons mehr als ein altes Feiertagskleid, mehr als ein guter Broterwerb, mehr als ein techniTches Unter* nehmen. Man muß da einen großen Maß* ftab anwenden, einen allmenfchlich kos* milchen Maßftab, der in unferen alten Träumen von Erez Israel enthalten ift. ERNST MÜLLER DIE WELTBÜCHER. EINE JÜDISCHE SCHRITTENTOLGE. Welt*Verlag, Berlin. Der Welt*Verlag hat die Herausgabe einer jüdilchen Bücherei begonnen, in welcher alte und neue Schriften aus allen jüdifchen Kulturgebieten dem deutfch* lefenden jüdifchen Publikum aus knappen, aber prägnanten Darftellungen feine geiftigen Güter faßlich vermitteln follen. Die erften Bändchen, welche herausge* kommen find, machen einen guten Anfang. Sie bringen in gelchmackvollem Gewände, das fich überall auf dem deutfchen Bücher* markt fehen laßen kann, wirklich Wert* volles. Die Sammlung fetzt im Doppelband 1—2 mit Moses Mendefsfoßns „Jerufafem" oder „Ueber religiöfe Macht im Juden* tum" ein. Die erften Seiten des Büchleins verlebendigen uns fofort eine Kulturepoche des jüdilchen Rationalismus, welche für das deutfche Judentum von fo großer Be* deutung werden follte. Die Beweisführung, daß die religiöfe Macht des Judentums auf der vernunftgemäßen Evidenz feiner Lehre beruht, welche nicht im Glauben, fondern im gottgefetzten Willen beftehf, ift in herzerfreuend fcharfdialektifchem Mendelsfohngeift herausgearbeitet. Mag audi diefe Auffaflung Mendelsfohns von der WilTensevidenz der jüdifchen Lehre gar wenig tief fein,- die warmlebendige Art, in der fie gebracht wird, und die überlegen*überlegende Art, in welcher Macht eine Religion als Folge unbeweis* baren Glaubens hingeftellt wird, der feelenechte Ausruf: „Belohnt und beftraft keine Lehre, lockt und beftecht zu keiner Religionsmeinung" — all' das gibt dem Schriftchen für immer befonderen Reiz und denen, die es wieder an das Licht g^zogzn haben, Anrecht auf Dank. Es wäre fehr wertvoll gewefen, wenn in den Neudruck von Menaffe Ben Isr'aefs „Rettung der Juden", welcher das dritte Bändchen der Sammlung bildet, audi die Vorrede Mendelsfohns zu diefer Ver* teidigungslchrift, die er überfetzt hat, auf* genommen worden wäre. Diefe Vorrede ift eigentlich der Vorläufer zu „Jerufalem", das eigentlich aus der Polemik über diefe Vorrede enftanden ift. Des Amfterdamer Rabbiners Menafle ben Israels Schrift ift an einen hohen Gönner in England ge* richtet, um den Juden die Anfiedelungs* möglichkeit in England — ein Lebens* gedanke MenalTes ~ zu erwirken. Sie will zugleich alle Vorurteile und An* fchuldigungen gegen die Juden entkräften und beginnt, bezeichnend genug, mit der Blutlüge. Daß die Juden ftaats* und königstreu feien, daß fie nie Gottesläfterung betrieben haben, daß fie keine Profelyten machen, all' das wird, nebft anderen apologetifchen Details, temperamentvoll beweifend dargelegt. Die Schrift des Menafle, deflen von Rembrandt gezeich* netes Bildnis im Büchlein reproduziert wird, hat heute befonderen Wert durch die Auffchlüfle über die Haltung der Engländer zu den Juden in Cromwells Zeiten und erweift auch, daß die Juden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.