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Der jüdische Wille · 1920-03-01 · Heft 4-5 (März 1920) · page 46

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 4-5 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
– (sequence 46)
Language
German
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216 NEUE BÜCHER hafter, in Zeiten *geficherten Beftandes des nationalen Kulturgutes in der Diafpora weniger lebhaft. Was kann es — gerade für den Philofophen — demgegenüber be« deuten, daß diefes Streben nicht verwirk« licht werden konnte? In diefer über** mäßigen Schätzung hergebrachter Ge« fchichtslage glauben wir jene »rückfchrittliche Tendenz« beim Verfaffer zu finden, die er felbft den Bekennern anderer politifcher Richtung vindiziert Nichts anderes heißt: rückwärts tendieren, als durch ein Lieber« maß von Tradition den Lebensdrang zu erdrücken. So fehr der Verfaffer hier im Unrecht bleibt, fo fehr ift er im Recht, wenn er im geiftigen Charakter der jüdifchen Ge« fchichte und der jüdifchen Art die ent« fcheidende Grundlage für die Erkenntnis des jüdifchen Wefens erblidst. Unferer traditionslofen Zeit und befonders der modernen Judenheit, die fich zu inftinkt« ficherem Lebensgefühl erft wieder langfam hintaftet, lind folche Mahner ein dringendes Bedürfnis. Daß der Verfaffer in vielem, vor allem durch ein ehrliches Erkenntnis* ftreben, aber auch durch tiefe Kenntnis der jüdifchen Wefensart, das Recht befitzt, als folcher Mahner aufzutreten, ift un« verkennbar, und daß er es auch tut, dafür willen wir ihm Dank. Wir hoffen von Herzen, daß er uns ein andermal ein Buch befchert, das von den Mängeln des vor« liegenden <Erftlingswerkes?> frei, und diefe Aufgabe beffer zu erfüllen geeignet ift, oder daß er das vorliegende Buch bei Gelegenheit umarbeitet. Schade und doch erfreulich, daß das nur Beinahe ein Buch ilt, das uns Allen viel geben könnte. Vor allem aber erfreulich: denn wo das »Beinahe« möglich ilt, wird auch die Erfüllung kommen können. RAPHAEL STRAIIS A. D. GORDON.- BRIETE AUS PALÄ= STINA. Welt-Verlag, Berlin, Preis Mk.3,--. Es gibt wenig Publikationen über Pa« läftina, welche mehr als äußere Zukunfts« perfpektive und in bezug auf die Gegen« wart mehr als ein äußeres Bild derfelben entwerfen ein inneres Bild fozufagen, das heißt aber unmittelbare Verflechtung des nicht realiftifch und kritifch genug an« zufchauenden Gegenwärtigen mit allen Idealen, welche nicht als ausgefponnene Theorie oder abftrakte Forderung in der Luft fchweben, fondern felbft mitwirken an der Geftaltung des Lebens. Eine der« artige Publikation bilden die Briefe des alten paläftinenfifchen Arbeiterpioniers A. D. GordoHj weldie eben in handlicher hübfeher Ausgabe im »Welt ^Verlag« die Organifation des »Hapoel Hazair« heraus* gegeben hat. Da begegnet uns vor allem ein Grundgedanke, der wohl auch der« jenige des Hapoel Hazair ilt: die Einheit des fozialen und nationalen Moments im wirtfchaftlichen Aufbau Palältinas. Denn das foziale Problem Paläftinas ift in Wirklichkeit, foll ein Gemeinwefen echter Menfchengemeinfchaft gefchaffen wer« den, mit dem nationalen unlöslich ver« bunden ~- äußerlich infofern, als erft die Exiftenz eines eigenjüdifchen Wirtfchafts« lebens uns überhaupt von jüdifcher Oeko« nomik zu fprechen geftattet — innerlich aber, infofern die echt jüdilche Löfung des fozialen Problems den Schfüffel gibt zur Löfung jener Fragen, deren Formu« lierung im einfeitigen »Klaffenkampf« ohne die Erneuerung der Grundlagen des ganzen Lebens in Palältina am meiften deplaciert erfcheint. Lebendig tritt uns aber diefer Gedanke erft entgegen in der doppelten Beleuchtung des Gegenwarts* lebens in Paläftina und in der europäifchen Kulturwelt. Wie fchmerzlich noch manche Lebenserfcheinungen in Paläftina felber fein mögen, es fteckt doch felbft darin etwas von den fchmerzlichen Wehen einer Neu« geburt. »Hier mögen auch die Sorgen noch fo bitter, herb, fchrecklich fein, fie haben einen Sinn«. Am deutlichften fühlt man es, wenn man hier arbeitet, wenn man der offenherzigen, majeftätifch licht« vollen, prophetifch vertieften Natur des Landes Aug in Aug, Herz an Herz bei der Arbeit gegenüberfteht. Und Spuren einer echten Erneuerung des Lebens zeigen fich allmählich darin, daß Arbeit und he« bräifdie Sprache einen neuen Bund ein« gehen, daß zwifchen phyfifdier Arbeit und Kultur ein inneres Band hergeftellt wird, das Gordon befonders auch für die Uni« verfität verwirklicht fehen möchte. Wie weit Klaffenkampf und wahrer Kampf der fozialen Idee noch auseinander« liegen, brachte der Weltkrieg, in deffen Sdiatten diefe Briefe gefchrieben find, zu erfchütterndem Bewußtfein. Man kann die Haltung der Weltarbeiterfchaft als folcher, welche aus materiellen Motiven, zum Beifpiel der Kriegsinduftrie, ihre Kraft preisgab, nicht mit äußerem Zwang er« klären. Die Weltkataftrophe entfprang einer allgemeinen Verwilderung und Ver« kümmerung echten nationalen Lebens. Vordem Kriege erhoffte man alles Menfch« heilsheil von bloß individueller oder bloß

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