Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 81% known words query
- IRI
…/2827066-2827074-2827078--0639-2827744- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
NEUE BÜCHER SELIGMANN: PROBLEME DES JUDEN¬ TUMS <Wien 1919. R. Löwit). Als ich das Buch zur Hand nahm, bereute ich, der Redaktion eine Befprechung zugefagt zu haben. Denn da fand ich Kapitel* übedchriften wie »Schopenhauer, der Jude«, »Eine Betrachtung über Bergfon« und andere, vieles verheißende Titel, während doch das Thema einerfeits, der Umfang des Buches andererseits nur eine flüchtige Berührung der überfchriebenen Gegenftände zuzulaufen 'i<±ihzn. Mir jfähien da einer der heute fo zahlreichen Autoren am Werke, die mit fehr viel Selbltbewußtlem und einiger Belefenheit die Rätfei der Welt diktatorifch deuten und als deren Prototyp unfer Freund Houfton Stewart Chamberlain betrachtet werden kann. Als ich aber in dem Buche las und über die erfreu und fchwächeren Kapitel hinwegkam, habe ich mein Urteil doch wefentlich geändert. Ich gelangte dazu, die Fehler des Buches deßo mehr als Schönheitsfehler zu betrachten, je weiter ich kam und am SchlufTe angelangt, erkannte ich, daß der Verfafler letzten Endes doch um ein fachliches Ziel ernftlich bemüht ift. Sein Ziel ilt, die Wefensart des jüdifchen Geiftes zu beftimmen, und diefes Ziel ift wiflenfchaftlich. Auch die Mittel, zu diefem Ziele zu gelangen, find wiflenfchaftlicher Art und zwar der Rüftkammer der philo* fophifchen Analyfe, nicht der hiltorilchen Betrachtung entnommen. Ein wenig hat man nun den Eindruck, als ob der Verfafler diefes Werkzeug nicht in allen Fällen glüddich geführt habe. Die Schopen* hauerfche Gedankenwelt als jüdifch, die* jenige Spinozas als hellenifch zu etiket* tieren, heißt beiden Perfönlichkeiten und ihrer Philofophie Gewalt antun. UeberaH im Leben mifchen fich die Kräfte, und gerade die große Einzelperfönlichkeit an fo approximativen Begriffen zu meflen, wie es Hellenismus und Judentum in diesem Zufammenhange find, erfcheint willen* fihaftüch unzuläffig und unfruchtbar. Hier finden wir beitätigt, daß für den lebhaften Gelft^ des Verfallers ein Hang zu dilet* tantiicher Landftreicherei gefährlich werden kann. Größerer Genuß bleibt uns in den Kapiteln vorbehalten, die Geh mit dem jüdilchen Wefen als iblchem beiaiüft?-;en. Und daß hier — z. B. im Kapitel »Von der inneren Bedeutung des Prophetismus« — der Verfafler fleh auf befler vertrautem Gebiete ficherer bewegt, zeigt fich nicht nur in der größeren Richtigkeit feiner Aus führungen, fondern auch in der größeren Gefifiloflenheit und Einheitlichkeit, die diefe Kapitel auszeichnen. In den Schluß* kapitein führt das Buch über die Grenze hinaus, die einer willenfchaftlichen Arbeit gezogen ilt. Ein Urteil über die politifdie Lage zu fällen, audi über die geiftes* politifche, muß der hiltorilchen Betrachtung vorbehalten bleiben, und eben diefe Grenze überfchreittmg, die fich bei den Schlußkapiteln ebenfo wie bei den oben er* v/ähnten Anfangskapiteln zeigt, die alle in keiner direkten Beziehung zu den »Problemen des Judentums« ftehen, frören die Gelchloffenheit des Buches in empfind* lieber Weife. Das Kapitel »Bejahung und Verneinung des Galuth« gibt denn auch in Wirklidi* keit keine klare Antwort auf eine Frage, für die nicht die Philofophie, fondern das Leben zuftändig ilt. Der Verfafler begnügt fich mit Recht mit der Kritik, daß alle jüdifchen Parteien der Gegenwart über dem Getriebe des politifchen Alltags* lebens die Sonderart der jüdifchen Ge* fchichte und des jüdilchen Volks zu ver* geffen die Neigung haben. Wenn das Buch mit diefer Kritik ausklänge, wäre auch dem Recensenten ein verföhnlicher Schluß ermöglicht. Aber leider fehlt auch in diefem wiflenfehaftlichen Buche das politifche Teufelslchwänzchen nicht, und nichts ift bezeichnender für das Be* unruhigende unferer Lage als zu fehe^/ wie fich ein wilfenfchaftlicher Autor nerV geblich bemüht, bei objektiven Dingmteßu bleiben und doch wieder zuguterleräb' aiif die Politik gerät. Ein neues Zentrum des Jüdifchen Volks in Paläftina zu fchaften, widerfpricht nach Auffaflung des Autors der »Logik der Tatfachen« —* was hat der Philojbph mit den Tatfachen zu tun? — und der jüdifchen;rGefchichite, die »feit faft undenklicher Zeit niefrt mejhr das Uebergewicht des eineni Zentrumsvor<(ft dem anderen kennt.« Dergleichen!gefchidit* lieber und politifcher Unfinn; kommt her* aus, wenn der Philbfioph.in der Gefchichts* betrachtung dilettiert. Der Philofoph müßte fich fagen?: was dem inftinktiven Leben einer Menfc&en^ ift> ift hi(torifd^imme,n'Wurzelhaft. Die hiftbrifche Betrachtung aber zeigt : Der;.• Wunfeh nach einem jüdilchen Zentrum war immer vor* banden, in Zeiten der »Affimilation» leb*