Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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KAISER, EIN WIENER JUDENBUCH 209 Nationalismus von einer Bekämpfung des Zionismus abzufehen. Man kämpft gegen eine fterbende Idee ebenfowenig wie gegen einen Werbenden Mann.«) Und die Zukunft der Juden? Ein Programm, Vorfchläge oder Betrachtungen in diefer Hinficht hält der Verfalfer für überflüffig. »Nicht was die Juden fein werden, kann man feftftellen, nur das, was fie waren. Und was waren die Juden? Was waren fie der Welt? . . . fie waren das Salz der Erde.« <— Alfo, lieb Israel, magft ruhig fein! Die Herren v. Henikftein, v. Eskeles, v. Wodianer, v. Ulfmann^Szitany und Frau Gemahlin und wohl auch der unvergeßliche Ignaz Mandl waren das Salz der Erde. Was wollte da Herzl eigentlich? Während uns an diefem Hauptteil des Buches vor allem die gewaltige Fülle ftofflicher Einzelheiten, wahrlich nicht die Tendenz ihrer Geftaltung durch den Verfalfer feffelt, gibt diefer auf den erften fiebzig Seiten einen glänzend durchgearbeiteten, wenn auch ebenfalls nicht tendenzfreien Überblick über die jüdifche Wirtfchaftsgefchichte von der älteften Zeit bis zum 30 jährigen Kriege, einen Überblick, der allein fihon das Werk lefenswert macht. Eine — übrigens recht gefdnckt durchgeführte ~ Neckerei teiltet fich der Verfalfer hier bei der Charakterifierung der aus dem babylonifchen Exil Heimkehrenden, »welche man heute Zionilten, Nationalilten, Hebrailten nennen Avürde«. Das waren nämlich, merk's, lieber Lefer, vor allem —- wenn auch nicht ganz allein «— die Herren des altjüdifchen Landadels, foweit fie keine Luft hatten, in Babylon ehrlich zu arbeiten. »Der befitzlofe Junker wird auch heute noch — trotz aller Änderungen in der fozialen Anfchauung — Offizier, Hof* oder Staatsbeamter, Gutspächter/ aber wenn ihm alle diefe Afpekte verfagen, wird er deklafliert - Schwindler oder Spieler ~, jedoch nie greift er, um fich bürgerlich zu ernähren, zu Schere oder Elle«. Innerhalb diefer HerrenklafTe entftand alfo. notwendigerweife Unzufriedenheit. Die Erinnerung an die alte Heimat, an die bevorzugte Pofition, welche fie dort ein* genommen hatten, der Wunfeh, diefelbe wieder einzunehmen, erweckte die Agitation für die Rückkehr«. Außerdem waren noch »Zionilten« die von der gleichzeitigen religiöfen Erregung ergriffenen »Unzufriedenen, d. h. alle Kreife, welche fich in die neuen VerhältnilTe nicht hatten finden können«, »welche . . . obwohl befitzlos, fich doch in die neuen Berufe, Handel und Gewerbe, nicht hatten finden können, die alfo bei diefem Wechfel nichts zu verlieren hatten. Ganz gewiß aber nicht jene Volksteile, -welche zum Handel gegriffen hatten, durch denfelben zu einer Ökonom ifchen Exiftenz und zu Wohlftand gelangt waren und fich im Lande wohl befanden.« Man lieht, die Verfalfer der Plalmen 126 und 137 bewegten fich in ziemlich minderwertigen Gefellfchaftskreifen. Sonft hätten fie uns auch ftatt ihrer chauviniftifchen Machwerke lieber einen begeifterten Bericht über die Erfolge babylonifcherKommerzienräte und Parlamentarier mofaifchen (oder bereits belifch*aftartifchen> Glaubens hinterlaflen. Und die Barone v. Henikftein, v. Eskeles, v. Wodianer und von Ullmann brauchten fich nicht, wenn fie an einem regnerifchen Sonntag Vormittag in der Hausbibel blättern ftatt in die Kirche zu gehen, durch das taktlofe Verhalten ihrer Standesgenoffen von anno 538 ante Chriftum natum in ihren adligen Empfindungen fchmerzlich berührt zu fühlen. Nobleffe oblige. Bertin CONRAD KAISER