Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1920-03-01 · Heft 4-5 (März 1920) · page 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 4-5 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
– (sequence 38)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2827066-2827074-2827078--0632-2827737
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

208 KAISEZ, EIN WIENER JUDENBUCH feinen Glauben gewechfelt. In Sprache und Wefen hatte er allerdings den Juden nicht verleugnen können, aber gefellfchaftlich ftand er mit Juden und jüdifcher Gefell* fchaft in keinem Verkehr. Seine Töchter wurden magyarifche Ariftokratinnen, fein Sohn ftarb kinderlos. . . . « » . . . Eifig Figdor blieb bis zu feinem Tode Chef und ein rechter und ge~ rechter Jude. Heute ift allerdings die ganze von Eifig /lammende Linie verchriftlicht, in Verwandtfchaft mit der beften Schichte des chriftlichen bürgerlichen Patriziats ge~ treten, und in ihr lebt nur mehr eine fchwache Erinnerung an die jüdifche Provenienz«. Deine Zierden, Israel. . . . » . . . Dr. Ignaz Mandl wurde ja, wie fchon oben erwähnt, durch feine ganz befondere Richtung und Parteiftellung von keiner Seite zu den Juden gezählt. Er faß noch im Gemeinderate und zahlte in den antifemitifchen Wahlfond, als die Majorität antiliberal geworden war, blieb auch, nachdem Lueger ihn auf Andrängen der Antifemiten aus dem Saale gedrängt hatte, nichtsdeftoweniger fein politifcher Berater und nahm, 70 Jahre alt, noch kurz vor feinem Ende die Taufe.« Muß einen gefunden Menfchen nicht ein körperlicher Ekel fchütteln, wenn man das hört? Sieht man nicht den weißhaarigen Verräter feines Blutes förmlich vor fich, und muß uns nicht gerade fein Anblick mit Schrecken und Scham erfüllen, doppelt ftechend und würgend, fo wie das Bild eines lafterhaften Greifes, eben weil er die Würde des Alters verhöhnt, fcheußlicher anzufehen iß als die fchlimmften Vergehen eines Mannes oder eines Jünglings? ~ Würden nicht andere Völker noch taufend Jahre nach dem Tode folcher Verräter ohnegleichen ausfpeien, wenn nur der Name genannt wird? — Wir modernen Enkel des adligen Gottesvolkes aber, Alte und Junge, denken, auf der Menfchheit Höhen wandelnd, mit dem Sänger: »Finden Sie was dabei?« . . . »Noch früher als Biedermanns nach Wien, kam ein anderer Preß burger Jude nach Peft, Mofes Ulimann. Dem kleinen Manne war es gelungen, Einkäufer für das Tabakgefälle in den Erblanden zu werden, dadurch zu einem großen Vermögen zu kommen und ein bedeutendes Haus zu gründen. Schon der Alte und feine Frau nahmen die Taufe. Zur Zeit der Pefter Märkte pflegte mein Großvater, fein Jugend« freund, ihn zu befuchen. Bei einer diefer Gelegenheiten erzählte ihm der alte Ullmann hierüber folgende Epifode: Er hatte feiner Frau den Wunfeh, überzutreten, mitgeteilt und gutmütig gemeint: »da lie ficherlich diefen Schritt nicht mitmachen wolle, müßten fie fiä fcheiden.« Sie, eine bekannt kluge und in ihrer Art nicht ungebildete Frau, Zipperl <Zippora>, die gerade über d^m Siddur <Gebetbuch> faß, fah ihm lächelnd in die Augen und antwortete ihm mit den Worten Ruths: »Dein Gott ift mein Gott, und dein Volk ift mein Volk.« Er, frappiert, frägt fie: »Fürchtelt du denn nicht das Gehennim <die Hölle)? »Nun« meint fie herzlich ich habe bei dir das Paradies genoflen, fo muß ich auch die Hölle mit dir teilen.« Es blieb ihm alfo nichts übrig, als die alte Frau in den neuen Glauben mit hinüberzunehmen. Allerdings find fie beide fchlecht getauft, er fpricht weiter feinen unausfprechlichen Jargon, fie betet weiter in ihrem »Sidderl«. Das hindert aber die alten nicht, den Adel mit dem Prädikat »von Szitany« zu erreichen, und die Söhne nidit, fogar eine politifche Rolle zu ambitionieren. In ganz Ungarn fprach man — ein Gefpräch das lieh felbft in unfere Kinderftube verlor — von der Kandidatur des einen Ullmann um eine Vizegefpan« ftelle und von dem Kampfe, den er um die Wahl führte. Die Familie exiftiert noch, denn ich finde hie und da in den Zeitungen den einen oder anderen diefer Ullmann '-Szitany— erwähnt. Das war wohl in Ungarn der erfte Mann jüdifcher Herkunft, der die Aufnahme in den Adelftand — Wodianer war eine fpätere Größe — durchfetzte«. Welch reizende kleine Anekdote! — Sind wir nicht wirklich ein bejammernswertes, ein verruchtes Volk, wenn bei uns ein alter kluger Mann, der im fonftigen Leben ficherlich ein guter, urteilsfähiger und auch gefchmackvoller Menfch ift, folche Gefchehnifle mit heiterer Seelenruhe als Erfolge feiner fo ganz verfallenen, verratenen, gefchändeten Gemeinfchaft bucht? Natürlich kommt der VerfafTer auf Grund diefer und ähnlicher Erfolge zu dem unanfechtbaren Schlufle, daß der Antisemitismus in Ungarn, Öfterreich und Deutfchland in langfamem, aber licherem Schwinden begriffen und eine national)üdifche Bewegung daher ebenfo fchädlich wie überflüffig, der Zionismus als folcher aber vollends unmöglich ift. <»Und in diefer meiner Meinnng liegt auch der Grund, aus welchem ich mich berechtigt und verpflichtet glaube, in diefer Befprechung des jüdifchen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.