Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
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KAISER, EIN WIENER JUDENBUCH 207 . . . Aber was die Ghettobewohner hinnehmen mußten, war ganz unglaublich, denn die Verachtung zeigte man nicht bloß dem einzelnen Individuum, fie hielt ganz und gar nicht ftille vor ihrer Gefamtheit und vor der Korporation, die fie vertrat. Hiervon nur ein draftifches Beifpiel. Der Güterdirektor, zugleich Juftititiär der Palffyfchen Majoratsherrfchaft am Ende des 18, Jahrhunderts, Latfchnigg, hatte die ganz unglaubliche Frechheit, den gefamten Gemeindevor/tand während einer Funktion zu empfangen, für die man fonlt die entfchiedenfte Zurückgezogenheit wählt. Derfelbe Latfchnigg hatte die Bauern in Malatzka, einem Gute der Herrfchaft, in einer Weife gefchunden, daß diefe fonlt fo lammfrommen Slovaken förmlich revoltierten und durch Militär zur Ruhe gebracht werden mußten. So taten diefe Bauern, aber unfer Gemeinde vorfand ließ diefe Ver~ achtung — wenn auch empört, doch ohne Äußerung — über fich ergehen. . . . « Nun verfolgt den Verfafler die Beforgnis vor einer Rückkehr diefer Zuftände durch ~ man faßt fich an den Kopf ~ die nationaUjüdifche Bewegung. Daß deren Anhänger durchaus nicht gewillt find, auf die bürgerliche Freiheit zu verzichten, daß fie im Kampf gegen die Knechtung und Vergewaltigung der Juden in allen Ländern der Diafpora an erfter Stelle ftehen, iß dem fonlt fo klugen und welterfahrenen Ver^ fafler erftaunlich unbekannt geblieben. # »In hohem Greifenalter widme ich diefes Buch in ungefchwächt heller Er^ innerung meinen Eltern Salomon und Antonie Mayer <geb. 1798, 1806), tüchtigen, tätigen und gütigen Menfchen. . . . « »Alt, blind, leidend und leidvoll habe ich diefes Buch gefchrieben . . . «. Schon die Anführung diefer wundervoll jüchTch-menfchlichen Eingangsworte wird uns vor dem häßlichen Verdachte fchützen, daß wir den ehr^ würdigen Autor zur Zielfcheibe billigen Feuilletonhohnes machen wollten. Es darf fogar ohne jede pathetifche Übertreibung gefagt werden, daß wir ihn und die geiftige Leiftung, die fein Werk darftellt, bewundern müflen, ja, daß wir — freilich nicht ohne für uns fthmerzliche Einfchränkungen — ftolz find darauf, daß unfere Gemeinfchaft Neunzigjährige von fo geiftesftarker Lebenstüchtigkeit zu den ihren zählen darf. Dann aber muß mit gleicher Offenheit gefagt fein: Wir Ichulden ihm aufrichtigen Dank, aber aus Gründen, die ihm ficherlich keine Freude machen werden. Es gißt fiaum ein zweites Bucß, das fo eindringficß wie diefes ~ wenn aucß durcßaus ungewoCft ~ mit jeder ZLeife dartut wie einzig ricßtig unfere jüdifcß *> nationaCe Erkenntnis der Dinge iß, ivie grauenhaft die Afftmifation unfer Judentum zerftört und aucß'unfer Menfdoentum ßeflecßt ßat. Gewiß gibt es auch unter den öfHichen, nicht oder nur wenig affimilierten Juden widerliche Erfcheinungen, meinetwegen die leider nicht fo ganz feiten vorkommenden Mädchenhändler und Bordellbefitzer. Aber fie bleiben doch immer nur traurige, aus mancherlei fozialen Urfachen zu begreifende i£///z<?/erfcheinungen, — Einzelerfdieinungen der Art nach, felbft wenn fie fich der Zahl nach fo häuften, wie es die Antisemiten behaupten, — und kein ernfthafter Kenner oftjüdifcher VerhältnilTe hat fie jemals als typifch für den oftjüdifchen Charakter angefehen. Dagegen muß auch bei fehr ruhiger und objektiver, ja fogar bei milder Beurteilung der Dinge gefagt werden, daß fpeziell die affimilierte ungarilche und Wiener Taufjudenheit des letzten Jahrhunderts zu den widerwärtiglten und auch in rein menfchlicher Hinficht peinlichlten Mallen * Erfdieinungen gehört, die unfer Volk in den vier Jahrtaufenden feiner an Gegenfätzen fo reichen Gefchichte jemals aufzuweifen gehabt hat! Wo findet fich noch folch eine Unfumme von hemmungslofem Verrat gegenüber den Traditionen einer fo großen und ehrwürdig^leidvollen Vergangenheit, folch ein abfoluter Mangel an Ge^ meinfchaftstreue, foviel — auch im äußeren Gehaben häßliche ~ menfchliche Würde^ lofigkeit? Daran gemeflen ericheint ja das Berliner Taufjudentum der Nachmendels^ fohnfchen Zeit als geradezu ethifch und äfthetifch unanfechtbar! . . . Und es erfüllt uns mit Staunen und Erbitterung, wie kühl der Verfafler all diefe Täuflinge aufzählt, und ihre finanziellen und fonftigen Erfolge — Nobilitierungen, Parlaments^ und Beamtenkarrieren — uns als Erfolge und Fortfehritte der jüdifchen Sache anzuführen wagt! Nur ein paar Proben : »Die Henikfteins hatten, feit fie getauft waren, d. h. feit Generationen, jede Begehung zu den Juden abgebrochen/ die Barone Eskeles hatten fchon leit 100 Jahren keine andere Beziehung zu ihnen, als daß fie, da fie nach den damaligen Gefetzen nach ihrer Geburt zu Juden geworden, bis zum Jahre 1835 auch auf dem jüdifchen-Friedhof begraben wurden / Moritz Wodianer, Sohn des Pefier Großkaufmanns und Bankiers Samuel Wodianer, hatte noch vor dem Aufenthaltsort