Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2827066-2827074-2827078--0630-2827735- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
206 KAISER, EIN WIENER JUDENBUCH Ich hoffe, es kompedienhaft, als Ergänzung zu jeder deutichen Weltliteraturüberficht, gezeigt zu haben, daß die neuhebräifdie Literatur im ganzen do<h nicht als Kuriofität erfcheinen darf. Krochmal, Mendele, AdiacUHaam und Bialik und was zwifchen diefen Berg* gipfeln liegt, verdient eine ausführliche Behandlung. Diefe muß einer Gefchichte der neuhebräifchen Literatur vorbehalten bleiben. Bertin BARUCH KRUPNIK EIN WIENER JUDENBUCH W^ir glauben, dem Leferkreife diefer Zeitlchrift einen Dienft zu erweifen, wenn wir ihn heute noch auf Sigmund Mayers bereits 1917 erfdiienenes Werk*) hinweifen, das unferes Erachtens bisher in der deutfch~jüdifchen Leferwelt viel zu wenig Beaditung gefunden hat. Mit der unverhüllten Tendenz gefibrieben, zu beweifen, daß die jüdifche Nationalbewegung verfehlt und gefährlidi fei, — auf jeder Seite forgfam bemüht, zu zeigen, wie herrlich weit wir es durch die Aflimilation gebracht haben, bringt es ein ungemein reiches gefdiichtliches, kulturelles und volkswirtfdiaftiidies Material bei, das der greife Verfafler in feinem nun fchon beinahe neunzig Jahre währenden Leben gefammelt, gelefen, gefehen, gehört, erlebt hat. 1831 im ungarifchen Preßburg geboren, noch als Knabe nach Wien übergefiedelt, hat er noch heute alle Finfternilfe feiner freudlofen Ghettojugend in frifcher Erinnerung- »Wir Judenkinder waren, wenn wir das Ghetto verließen und anderen Jungen begegneten, in fteter Gefahr, von ihnen geprügelt zu werden. Um 12 Uhr mittags konnte kein erwachfener Jude die Klarilfagafle paffieren, ohne Mißhandlungen oder zumindeft Befchimpfungen befürchten zu müflen. Im Benediktinerftift dort war, wie fchon erwähnt, auch die Recbtsakademie untergebracht/ um diefe Zeit verließen die Studenten oder Juraten, wie man fie hieß, die Schule, ~ 4 Uhr nachmittags diektbe gefährliche Stunde. All das kann man, wenn man will, noch eine Harmlofigkeit im Vergleich mit anderen Dingen nennen, die fich zutrugen. Schutz gegen folche Roheiten bei der Polizei zu fuchen, konnte dem Juden nicht einfallen/ der Stadtgardilt hätte ihn nur ausgelacht, und eine nachträgliche Genugtuung durch eine Ehrenbeleidigungsklage zu finden, war ganz auslichtslos, iß darum auch nie verfucht worden. Der Jude fand bei Gericht für jedes von ihm begangene Vergehen ftrenge Strafe, aber für ein an ihm begann genes Unrecht nur in den draftifcfJten und unabweisbaren Fällen eine — und auch dann nur widerwillig gewährte Gerechtigkeit. Welche Behandlung der jüdifdie Kaufmann von feiten der Behörden erfuhr, fpottet aller Befchreibung. Auf dem Tyrnauer Markte hatte fich zufällig eine Detail^ kundin, eine Bürgerin, in das Engrosgelchäft meines Vaters verirrt, ein Stück Leine^ wand gekauft und bezahlt. Des anderen Tages brachte fie es wieder und verlangte ihr Geld zurück. Mein Vater weigert fich / fie geht zum Stadtrichter, der fchickt einen Panduren, der nimmt' meinen Vater vom Markt weg und fteckt ihn ohne Vorführung und Verhandlung ins Gefängnis. Natürlich erklärte er fich nun bereit, das Geld zurückzugeben. Zu meinen erften Erinnerungen gehört ein Vorfall, fchreddich an fich, fchrecklieber noch durch die Behandlung, die er vonfeiten der Behörde gefunden. Während des Landtages hatte ein Domherr feinen Hausjuden namens Bonitzer, der eine feiner Angelegenheiten nicht diskret genug geführt hatte, in feine Wohnung kommen laifen und ohne weiteres niedergefchoflen! Da diefer Mord, durch einen Geiftlichen vollführt, gar zu grell erfchienen wäre, nahm der Bruder des Domherrn vor Gericht die Tat einfach auf fich und wurde zu einer Rente von einigen hundert Gulden Wiener Währung an die Witwe, die ich noch fehr gut gekannt habe, verurteilt. . . . *> Siegmund Mayer, Die Wiener Juden. Kommerz, Kultur, Politik 1700—1900. 1917. R. Löwit Verlag, Wien und Berlin. - 521 Seifen., \