Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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KRUPN1K, NEUHEBRÄISCHE LITERATUR 205 fchlug ob der unerträglichen Philißerhaftigkeit des damaligen gefihrie* benen Wortes, J. L. Perez, der erße, der liebe* und kunßvoll ins diaflidifdie Leben hineinleuchtete und Ben^Awigdor, der verdienßvolle Schriftßeller^Herausgeber. Sie führten die neuhebräifche Literatur aus ihrer Sackgafle auf die Heerßraße der Weltliteratur heraus. Wer aber Vater der modernen hebräifchen Literatur und ihr bis jetzt unerreichtes Vorbild der Erzählungskunß iß, das iß Mendele, Verfaffer des ins Deutßhe übersetzten Romans »Fifchke der Krumme« und anderer noch nicht überfetzter Romane und Novellen, die zufammen einen Epos der in Ewigkeit verfdiwundenen in ftch abgefchlolfenen jüdifthen Lebensart des vorigen Jahrhunderts bilden. Alle hebräifchen Erzähler der letzten Jahrzehnte, ob fie die erltorbene Vergangenheit nachfchildern oder die zappelnde Gegenwart feßhalten, alle find fie Schüler Mendeles: S. Ben- Zion, Jehuda Steinberg, Brenner, Berkowitfch, Agnon. Wir haben aber in den letzten Jahrzehnten noch herrlicheres er* lebt. Iß unfere modern^hebräifche Erzähltingskunfi der modern-europäifchen ebenbürtig, fo gehört die modern-hebräifche Lyrik entfchieden mit in die erße Reihe der zeitgenöffifchen europäifchen Dichtung, ja fie übertrifft fie durch Llnmittelbarkeit und Frifche der Naturfreude, durch Eigenartigkeit ihrer Liebemotive. Die kongenialen Überfetzer lalfen noch auf (ich warten, die dem großen europäifchen Leferpublikum die Poefie Bialiks, Tfchernichowskis, Schneurs und Jakob Kahens zuführen könnten. Die moderne hebräifche Diditung iß die Zierde der neu* hebräifchen Literatur. Der Riefenfortfchriti; den diefe Dichtung ge^ madit hat von der Bammelnden Pfeudoklaffizität eines Weflely bis zur fouveränen neubeginnenden Klaffizität eines Bialik iß fiaunenerregend. Durch die erfchwerenden Umßände der neuhebräifchen Literatur find die Mängel ihres begabungslofen Jahrhunderts zu entlchuldigen, find aber die Vorzüge der von Talenten firotzenden Jahrzehnte erß recht zu bewundern. Die Rolle des Zionismus in diefem Auffchung iß be* wüßt und unbewußt groß. Von den Denkern unferer Zeit find vor allem AchadJHaam und Berdyczewsky zu nennen, die von allen neuhebräilchen Schrift* ßellern dem deutfchjüdifdien Lefer am meißen bekannt find. Eine verzweigte Prelle befchäftigt fich ausgiebig mit der Problematik der jüdilchen Gegenwart und Zukunft, deren Fülle nicht fchematifch abgetan werden kann. Die zahlreichen Kompendien der Weltliteratur übergehen die neuhebräilche Literatur mit Stillfchweigen. Selbfi ein folch gediegenes Werk, wie »Kultur der Gegenwart«, das in der Abteilung Literatur über neufyrißhe und neuarmenifche Literatur fachmännißhe Abhandlungen bringt, tut der neuhebräilchen nidit einmal Erwähnung. Das Machwerk »Weltliteratur«. in der Univerfalbibliothek von Reclam leißet fich fogar am Schlulfe des Abfchnitts »Die hebräilche Dichtung« <No. 6008—6010, S. 278) folgende Weisheit: »Die neueren jüdifchen Dichter wollen alle bei den Völkern behandelt fein, in deren Sprache fie dichtenwas noch ^hebräifch oder jiddifch fchreibt, erfcheint im ganzen doch als Kuriofität.«