Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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KRUPN2K, NEUHEBRÄISCHE LITERATUR 203 redungen vom Nutzen und Unfchädlidhfein der weltlidien Bildung. Seine Gedichte unter dem Namen »Schire Tiferet« <Lieder der Schönheit) find nichts als pfeudoklaffifche Nachdichtungen biblifcher Erzählungen und haben für uns nur nodi ein archäologifches Intereffe. Die Haskala war zu rationafißifch, um echte Dichtung hervorzubringen, und zu wenig wagemutig und mit Bildung gerüßet, um fiürmifch gegen das Alte vorzugehen. Daher beßeht die Literatur der nachfolgenden, im Oßen wirkenden Sdiriftßeller aus Überfetzungen und Kompilationen meifiens deutfcher Dichtung und Wiffenfchaft <Mordechai*Aron Günz^ bürg, Kaiman Schulman, beide in Litauen, und eine Menge anderer),, aus bändeßarken Werken voller Überredungskunß über das Harmonieren der Aufklärung mit der jüdifchen Religion <Izchak~Ber Lewinfohn in der LIkraine) und aus Gedichten, Gedichten ohne Ende. Dichter und Denker, die diefe Namen verdienen, tauchten erfi am Ausgang diefer Epoche auf, ungefähr Mitte des 19. Jahrhunderts. Es erlchien Abraham Mapus »Ahawat Zion« <Zionsliebe), ein unerwartetes Epos aus der biblifchen Zeit, gefchrieben von einem Kownoer Kinderlehrer. Wenn wir dies Werk jetzt in die Hände nehmen, fo mutet es uns an wie ein hißorilcher Roman für reifere Jugend, feinerzeit aber wirkte es auf die neuhebräißhe Leferwelt wie eine erfrifchende Quelle inmitten des Ödlands des Haskalafchrifttums der erfien Jahrhunderthälfte. Nur noch Gaben der Satyre und des Humors unterbrachen diefe Öde: Jofef Perl und Izchak Erter, beide in Galizien, nahmen den entarteten Chassidis^ mus zur Zielicheibe ihres Spottes, Hierselbfi,. in Galizien, lebte und wirkte auch der große, wahrhaft geniale Denker Nachman Krochmal, delTen philofophifai^hifiorißhes Werk »More Newuche Hasman«, von Achad^Haam das befie Buch der neuhebräilchen Literatur genannt, die erfie Haskalaepoche ablchließt. Krochmal machte einen großzügigen Verfuch, die jüdißhe Gefihichte auf Grund der Hegelfchen Philofophie zu beleuchten, und befruchtete durch fein literarilches Werk wie durch perfönlichen Einfluß ganze Generationen. Er iß. der letzte und bei weitem begabteße der ruhigen, nur aufbauend wirkenwollenden Epoche der neuhebräifchen Literatur. In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts fetzte die Sturm¬ und Drangperiode ein. Es wurde das Gebäude des Ghettolebens geßürmt. Ein junges, temperamentvolles Gefchlecht wollte zuerß mit aem Alten aufräumen, um daraufhin Neues zu bauen. Man fah fich durch den Schulchan^Aruch gefeflelt und fuchte fich mit allen geifiigen Waffen zu wehren. Die Zeitlchriften, die bis dahin nur harmlofe Poefie und Profa beherbergten, traten ihren Platz Kampfzeitungen und Streitfchriften ab. Der »Hechaluz«. <die Vorhut) in Brody, der »Hamelitz« <der Dolmetfcher) in Odessa widmeten ihre Spalten dem heiligen Krieg gegen die erfiarrten Formen des damaligen ofijüdifchen Lebens. Ein Großer und Starker fiand im Mittelpunkt des Feld* zugs — Mofche Leib Lilienblum, Verfafler der padtenden Autobiographie und Sittenfchild rung »Chatot Neurim« Jugendsünden). Mapu, der mit einem biblifchen Epos feine Laufbahn anfing, fiürzte fich mit feinem mehrbändigen Tendenzroman »Ait Zawua« <der Scheinheilige) mitten