Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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KRUPNIK NEUHEBRÄISCHE LITERATUR 201 Frieden gefchloflen, der es ermöglicht hätte, von nun an über eine hebräifche Literatur zu fprechen. Deshalb muß in einer Abhandlung über neuhebräifche Literatur vom chaffidifihen Schrifttum in feinem Blüte- und Verfallzufiande, fowie von der rabbinifchen, in mittelalter^ licher Scholaßik ßagnierenden Literatur abgefehen werden. Diefe wären ein Thema für fich. Eine zweite Eigentümlichkeit der neuhebräifchen Literatur neben der betonten Weltlichkeit iß ihr Entßehen in der Fremde. Es gibt in der Weltliteratur kaum eine Parallele dazu, denn nicht um eine »Emigrantenliteratur« handelt es fich hier, fondern um ein Volk, das ganz auf fremdem Boden lebt und fich auf diefem Boden inmitten der anderen Völker eine eigene Literatur fchafft. Auch bis zum Neuhebräifchen hatte das jüdifche Volk in der Fremde gelebt und ge* fchaffen,-|^s iß: aber ein großer Unterfchied zwilchen einer religiozentrifchen, aus der Vergangenheit und aus Büchern ihre Säfte fchöpfenden Literatur und einer weltlich fich auslebenden, gegenwartsfrohen, neufchaffenwollenden. Letztere empfindet die Fremde in viel höherem Maße, ift auf die Umgebung unvergleichlich mehr angewiefen. Während die mittelalterliche und die neuzeitliche religiöshebräifche Literatur Europa verneinten, ignorierten oder höchftens duldeten, fah und fieht fich die neuhebräifche Profanliteratur felber als eine europäL* fche an. Daß aber ihr Volk nicht in Europa bodenftändig ift, nicht über eine eigene, felbftändige weltliche Kultur verfügt, die der weltlichen Literatur als Unterlage dienen könnte, dies bildet die Tragödie diefer Literatur. Ein drittes kommt hinzu, das ebenfo wie die anderen Merkmale wefentlich ift für das Verftändnis der neuhebräifchen Literatur. Näm* lieh, daß die Juden, mithin die Lefer und die Schöpfer der gegebenen Literatur, Städter find. Was bei dem frommen erbaulichen oder tief- Ichürfenden talmudifihen Schrifttum kein Fehler war, iß von großem Nachteil bei einer freien Literatur, die Welt und Natur in den Mittelpunkt fiellt. Gibt es noch eine Literatur in der Welt, in der weder Dichter noch Lefer einen Baum von einem Strauch unterfcheiden können? Viertens wird die Sprache der neuhebräifchen Literatur nicht ge* fprochen. Noch bis auf den heutigen Tag hat die neuhebräifche Lite^ ratur mehr ßumme als fprechende Lefer. Man bedenke, was das heißt, ein Gefpräch künßlerifch wiederzugeben, wo die von den Helden gefprochene Sprache immer eine andere iß, als die Sprache des Kunfiwerks. Von den Schwierigkeiten der Sprache an und für fich, die es galt ebenfalls zu verweltlichen und zu europäifieren, ganz zu fchweigen. Als fünfte Eigentümlichkeit merken wir uns den wohl einzig daßehenden Zufiand einer weltlichen, von Liebe und Leben dichtenden Literatur, der es an einer Leferin gänzlich fehlt. Noch heute iß der Prozentfatz der Leferinnen der neuhebräifchen Literatur kleiner als der irgend einer anderen neuen Literatur, weil die Zahl der hebräißh ver* ßehenden Frauen fehr klein iß. Der neuhebräifche Schriftfieller mußte