Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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WIEN Eil NATIONALISMUS UND UNIVERSALISMUS 199 Grundgehalt »rationaler« Sittlichkeit erkennen? Gerade der in ewiger Wiederholung auftretende Gegenfatz zwilchen Kult und Nächfienliebe, zwifchen Erfüllung der dem andern zugutkommenden Pflicht und der förmlichen Gottesverehrung drängt doch darauf. Auch wenn in der Tat die Ausmünzung folcher »fittlichen« Grundgelinnung im prophetiföh infpirierten Gefetz noch eine gewifle Kluft zwifchen Jahyegläubigen und Anhängern fremder Gottheiten beliehen lalfen follte, muß doch die erhabene Humanität, mit der es fich der eigenen Volksgenoflen annimmt, der die Antike nichts Gleichwertiges zur Seite (teilen kann, diefe Folgerung nahelegen. Beachtet man nun, womit die Unheilsweisfagung den bevor* ftehenden Sturz des fo geliebten Israel motiviert, fo gelangt man zu dem gleichen Ergebnis. Die allgemeinen Klagen über Untreue und Anbetung der Baale ßehen doch weit zurück hinter den fehr fpezifizierten Vorwürfen der Unlittlichkeit jeder Art, die ganz , gewiß nicht eine Verletzung einer im befonderen israelitilchen Volksmoral gewefen find, fondern zürn Grundbeßand jedweden — auch antiken —- Stammes* So kommt man zur Anerkennung zweier an fich entgegengefetzt gerichteter Tendenzen, die jedoch in ihrer Auswirkung fich verfchmelzen mußten. In der unendlichen Innigkeit und Innerlichkeit, mit der die Propheten die Verknüpfung zwifdien Jahve und Israel erfühlen, liegt um der abgründigen Tiefe des Verbundenheitsgefühls willen der Keim zu rein perfönlicher Beziehung zwilchen Gott und Menlch, der fich zu univerfaler Grenzenlofigkeit ausweiten mußte. Indem diefe beiden Motive zufammenfließen, ergeben fie die eigentümliche Gefärbt« heit der Gelchichtsbetrachtung. Nur auf das eigne Volk erßreckt fich Jahves Weltplan feiner endgültigen Abficht nach. Und wo die Fremdnationen in den Blickpunkt treten, da find fie Diener des göttlichen Werks an Israel. Es zu demütigen, zu fchlagen, bis auf einen gering« zähligen Reit zu vernichten, weil es treulos gegen Jahves Willen, der nur faktlich zum einen und ewigen Recht geworden, dazu find die Großreiche der Affyrer und Babylonier eben gut, dazu allein/ der Prophet wenigßens kennt nichts andres. Den »Reit« zum glücklichen Volke auf eigner Erde wieder zu machen, dazu wird Cyrus erkoren, zu nichts andrem,- dazu mußten Weltreiche ftürzen. So refultiert ganz von felbft der univerfaliftifche Gedanke, dem freilich feine befondere Beziehung auf Israel niemals fehlt. Daß er fich aber trotz diefer Begrenztheit bereits zu verfelbftändigen, von feiner Gefühlsgrundlage abzuföfen, — man mödite geradezu lagen — zu dogmatifieren beginnt, lehrt Deutero^Jefaia. Hier hebt etwas wie theoretifche Spekulation, Theologie, an. In klar bewußtem Gegenfatz zum parlifchen Dualismus wird Jahve als der Eine und Einzige gepriefen, als die wahrhafte Weltmacht, neben der andere Götter nicht beliehen. Wohl bewegt fich auch hier der Gednnke in der Richtung, daß die Allmacht diefes Weltenherrn vor allem die heiße Sehnlucht nach nationaler Wieder* herftellung befriedigen werde. Weniger als je wird Israel von feiner Stellung als Gottes Liebling verdrängt/ aber dasmonotheiftifche Pathos