Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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198 WIENER, NATIONALISMUS UND UNIVERSALISMUS nach kanaanäifcher Mode. Man lefe nur unbefangen das erße Kapitel des Jefaia oder Michas Wort: »Er hat dir gefagt, Menfch, was gut iß und was Jahve von dir fordert, nidits als Recht tun, Liebe üben und in Demut wandeln mit deinem Gotte«,- wo unmittelbar voraufgeht die fich in Opferwilligkeit überbietende Hingebung des Volkes. Natürlich iß ja alles im Gleiten und Fließen/ in taftenden Tendenzen und fchwebenden Stimmungen drängt fich das Wefenhafte zum Licht. Bedeutet die Sittlichkeit der Propheten unerfchütterliche Jahvetreue und daraus quellend bedingungslofe Anhänglichkeit an der Urväter Sitte und Art, unter Ausfchluß jedweden Kompromifles mit kanaanitifchem Brauch, fo iß eben Jahve und die durch ihn geheiligte urwüchfig israelitifche Art wefensverfchieden von all den Göttern und von jeglicher Sittlichkeit der Umwelt. Damit iß die inhaltliche Befiimmtheit gefunden, welche das prophetißhe Ethos charakterifiert. Ob man diefes hiernach immer noch national heißen mag, oder es um feiner von »irrationalen« Beßandßücken in wichtigßer Beziehung gereinigten Natur willen rational nennen mag, tut nichts zur Sache. Bedeutfam aber iß, daß erß diefes Moment den Blick des Propheten entfchränkt und zur Ausfchau auf die Volkerwelt weitet. Nun iß jene fromme Gelchichtsphilofophie möglich, die zu gedanklicher Krifialli* fation geformt in der Tat Univerfalismus iß. Denn nicht als Gott des israelitifchen Ethos, fondern allein als der Wahrer einer allenthalben in gleicherweife geltenden Sittlichkeit wird Jahve zum Herrn aller Völker. »Um der drei Mifletaten Moabs willen und um der vier willen will ich's nicht rückgängig machen, weil es zu Kalk verbrannte die Gebeine des Königs von Edom.« <Am. 2,1>. Hier erfcheint fogar die Auswirkung feiner fittlichen Weltmacht ganz abgelöß von dem fpezififchen Interefle am eigenen Volke. Freilich zeigt fie fich doch, weil im tiefßen Kern ihres Wefens diefe Gottheit eine fittliche Größe iß. Was foll das heißen? Gewiß nicht »eine jener abßrakten Deutungen, die vor keinem konkreten Verhältnis ßand halten kann, eine Erklärung, die angeblich auf das Wefen der menlchlichen Vernunft zurückgeht, aber gerade deswegen etwas zu erklären unternimmt, was nicht vorhanden iß, und das, was vorhanden iß, gerade nicht erklärt.« Der Streit um die Rationalität oder Irrationalität der menfchlidien Vernunft bleibe ganz außer Spiel,- man kann doch aber nicht der Frage aus dem Wege gehen, wie und wo irgendwann dasjenige entfianden iß, was leiner Wirkung nach fich als eine freie alle partikularen Grenzen durdibrechende Moralität bewährt hat. Für geifiige lirfcheinungen gilt nicht wie für materielle Phänomen das Gefetz: Causa aequat effectum. Vielmehr entfprießen Keimen und Anlagen dunkler Art unübesfehbar weite Wirkungen. Solche Folgenwirkung unendlicher Bedeutfamkeit gerade in Anfehung des Menfchheitsgedankens gilt für den Prophetismus doch als unbeßritten. Wird man fo nicht zu der Annahme gezwungen, daß dem israelitifchen Ethos, welches die Propheten in feiner Reinheit und Unvermifchtheit wahren wollten, von Haus aus eine Würdigung des Menfchlidien, jenes Gefühl der Ehrfurcht gegen* über dem Nebenmenfchen innewohnte, die wir als den gefühlsmäßigen