Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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WIENER, NATIONALISMUS UND UNIPEKSALISMUS 197 fich zumeift aus der fozialen und politifdien Gefchidite des Landes und in der israelitifchen Anfiedlung erklären. Es wird zugegeben, daß von aitersher viele Züge ehrlicher Gerechtigkeit und humaner Schonung, vor allem (trenger Sexualmoral die israefitifche Sitte ausgezeichnet haben. In all dem aber fei die Befchränkung auf die Vofksgenoflen nicht zu vergelfen. Der Kampf gegen die kanaanäifchen Baale, in deren kultifcher Verehrung die Untreue gegen den allein gebietenden Jahve fichtbariten Ausdruck findet, wird als wefentlichftes Stüd* nodi befonders hervor-' gehoben. Man kann fich mit diefer Charakterifierung im allgemeinen einverftanden erklären,- doch fcheint der Punkt überfehen oder nicht genügend gewürdigt, von dem aus der Durchbruch durch die nationale Begrenztheit diefes Ethos nicht bloß in rationaler Gedankenhaftigkeit, fondern im unmittelbaren fittlichen Gefühl erfolgen mußte. Ihre Ertliche Idee, fo hören wir, ftedtt wefentlich im Kampf gegen die fremden Götter. »Denn alle diefe Gottheiten bedeuteten zugleich eine Sitte und ein Recht, einen fremden Kultus und Gefittungstypus, gegen den fich das echte Israel leidenfchaftlich wehrt als gegen eine gottlofe Neuerung. Die Propheten find ja nicht die Fanatiker des Monotheismus, wie man fie oft fich vorßellt, fondern die Vertreter der Ungemifchtheit und Reinheit israelitifchen Wefens, in dem die alte Väterfitte mit dein JahveJKult aufs engfte zufammenhing. Daher ift ihre Sittlichkeit und die all ihrer Nachfolger gebunden geblieben an den Gegenfatz gegen die Heiden und Fremden, die man die Völker nannte/« Wo bleibt hier die Anerkennung der nicht wegzudeutenden Tatfacfae, daß den Propheten die Polemik gegen den Baaldienft fich unter der Hand zum Kampf gegen Opferkult überhaupt wandelt? —- Wohl darf man ihnen keine doktrinäre Überzeugung vom Unwert eines förmlichen Gottesdienftes überhaupt beilegen. Aber es tritt doch deutlich hervor, daß die Verwerfung der religiöfen Form aufs innigße mit der im befondern fittlichen Forderung zufammenhängt: »Denn Liebe verlange ich und kein Schlachtopfer.« Ift damit wirklich bloß die kanaanäifcne Manier des Gottesdienftes verfchmäht oder nicht vielmehr überhaupt Ritus und Kultus als belanglos für den wahren Jahvedienft hingeftellt? Bei Arnos finden wir kaum ein Zorn wort gegen den Götzendienft,- aber alle feine Reden hallen wieder von Empörung wider Rechtsbruch und Miffetat. Es mag fein, daß die Üppigkeit und Sinnlichkeit der Baalverehrung, die in den königlichen Tempeln Jerobeams II. die alten Ichlichten Bräuche verdrängt haben wird, die Oppofition gegen derlei Treiben über das Ziel hinausfchießen ließ, fo daß der Prophet — gewiß übertreibend — an die langen Jahre der Wüftenwanderung erinnert, wo kein Opfer dargebracht wurde und doch Jahves Huld feinem Volke gehört. Aber wie dem auch fei, die Nüance iß doch unverkennbar, daß für den Propheten die Andacht des Herzens, die genau dem entfpricht, was wir Sittlichkeit nennen, die Gottesverehrung des Stierefdiladhtens gründe fätzlich verwirft. Und zwar aus dem klar empfundenen Gefühl heraus, daß Jahve kein Opfer braucht, aber die Liebe der Menfchen für einander will. Denn Gott haßt »Frevel und Feft«, doch nicht bloß das