Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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196 WIENER, NATIONALISMUS UND UNIVERSALIS MUS fadien verkennen kann. Will man aus den Worten der Propheten eine Lehre herausdefiillieren, fo iß nichts gewiffer als dies: Subjekt ihrer Religion iß die völkifche Gemeinfchaft/ alles göttliche Interefle, feine Vorfehung und Waltung find auf fie begrenzt. Denn Jahve denkt nur in Völkerlchickfalen. Drum hat der Einzelne Seligkeit oder Verderben nur vom Lofe feines Stammes zu erwarten. Aber diefe aus dem Herzen losgelöße Anßhauung, die fo zur Doktrin verfefb-' ßändigt iß, weiit ein ganz anderes Geficht, wenn man nur die ßürmilche Lebhaftigkeit des Gefühlstons beachtet, mit dem fie von den dran glaubenden Menfdien von Fleifch und Blut empfunden und erfahren wird. Es iß gar niefit nötig, auf die Gefühlstiefßen unter den Propheten, auf Hofea und Jeremia, aufzumerken, die in den zarten Farben bräutlichen Verhältnilfes die Verbindung zwifchen Gott und Menfch malen. Alle, der bäuerliche Arnos und der edlem Gefchlecht entfprolfene Jefaia nicht weniger, welche die Gottheit in unerhörter Eindringlichkeit zu fich reden hören, mülfen — wie foll man fich das anders pfychologiich vorfiellen? —- im innerßen, perfönlichfien Ergriffenfein als Einzelne ihre Gewalt verfpürt, ihre Wirkung in der Enge der eigenen Seele empfangen haben. Was fie uns alle von ihrer Berufung erzählen, von dem Kampf der Gottheit, der ihre menfchliche Eigenwilligkeit bricht und fie zu untertänigen Sklaven ihrer Miffion macht, von den furchtbaren Anfechtungen, die der Gehorfam gegen die höhere Stimme bei den Königen und Staatsmännern ihnen einträgt, von der fchredklichen Einfamkeit, in die fie das Wirken am hohen Werke bannt, iß nichts anderes als die Offenbarung ßärkßer Perfönlichkeiten. Und nicht der Gehalt einer Lehre hat fie zu folchen geprägt, fondern die Glut des Erlebens, die alles wegfchmolz, was jenfeits des einen fie erfüllenden Gedankens lag : Jahve Israels Gott, Israel Jahves Volk. Damit iß durch die inwendige Tat, durch die Gewißheit des individuellen Gefühls der religiöfe Individualismus begründet, zwar noch nicht in beßimmter inhaltlicher Gefärbtheit gefefiigt, aber als die Grundrichtung des innerlichen Lebens durch die tiefe Innerlichkeit diefes Dafeins felber verbürgt und gefichert. Es kommt nun auf die Erfüllung diefer Form an. Das Ethos der Propheten fei keine rationale Sittlichkeit, fondern die nationale Moral eines Bauernvolkes, fagt Troeltfch, fie werde grundfätzlich nicht in den Details entwickelt, weil fie gar nichts Neues zu bringen habe, fondern nur die längfi dem nationalen Bewußtfein eingewurzelten charakterifiifchen Züge einer alten einfachen bäuerlichen und kleingewerblichen Sitte mit manchen Reßen aus der alten Nomadenzeit, den Gegenfatz gegen Sitte und Recht der kanaanäifchen Städte, gegen Luxus und Machtwefen der großen Weltmächte, gegen das Gepränge und die Politik des Hofes und der Großen, gegen das Aufkommen eines Beamtenßaates und gegen den Druck des Beamtentums, gegen Recht und Gebräuche der fiädtifchen Geldwirtfchaft zeige. Sie treten daher überall, fowohl in den eigentlichen Prophetenreden, der prophetifch gefärbten Urgefchichte und in ihrem gefetzlichen Niederfchlag, dem " Deuteronomium, immer mit denfelben einfachen Forderungen auf, die