Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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WIENER, NATIONALISMUS UND UNIVERSALIS MUS 195 wird gefordert. Frevelt Israel gegen das Grundgefetz feiner Exißenz, gegen den Sinn feines Dafeins, der in nichts anderem beruht als in der unbedingten Anhänglichkeit an feinen ihm allein gehörigen Jahve, dann vernichtet es fich felber. Israels Volkfein beßeht in feiner Jahvetreue. Was diefe Treue und im Gegenfatz dazu, was Sünde und Abfall bedeutet, das fei hier noch unberührt, wo es nur darauf ankommt, als das Fundament der prophetilchen Religiofität die wefen* hafte Verknüpfung zwifchen Gott und Volk zu erkennen. In der Unendlichkeit folcher Hingebung, in der jedes andere Interefle aufzehrenden Erfülltheit der Seele mit dem heiligen Herrn liegt das prinzipiell Neue der prophetifchen Frömmigkeit. Zum erfien* mal in der Gefchiehte des menfchlichen Geifies erfcheint hier Religion als die alles an fich reißende innere Macht, die die anderen Lebens* gebiete in fich auffaugt und nichts duldet, was außerhalb ihrer ein felbßändiges Dafein in Eigengefetzlidhkeit führen will. Von der Prophetie bis zum Talmudismus und von ihm zum rabbinifchen Judentum, wie es bis zur Emanzipation im 19. Jahrhundert fich entwickelt hat, führt ein weiter Weg. Aber der tiefße Gehalt der Empfindung, wie fie fich damals in unerhörter Einfeitigkeit den Seelen der Gottesmänner eingeglüht hat, iß auf diefem weiten Marfche nicht verweht. Bedeutete dem Antiken, im außerprophetifchen Israel Religion als Ritus, Kult die geheiligte Volksfitte, die neben anderen Offenbarungen des nationalen Genius ihre Stelle hatte, eine Seite im Gefamtkomplex des noch nicht klar in fich differenzierten nationalen Lebens von Sitte, Recht, Moral, Wirtlchafi, fo tritt hier mit leuchtendßer Gewißheit die Prävalenz, ja die Alleinherrfchaft der Religiöfen, im Sinn tiefßgreifender Seinsgemeinfchaft von Gott und Stamm hervor. Wohl kann man auch von einem Monotheismus reden. Aber er iß weniger nach außen ßrebend, die Entthronung vieler Dämonen bedeutend, für die es zufammen mit dem »wahren« Weltenherrn keinen Platz im All gibt,- fondern er wendet fich nach innen, die Seele des Gläubigen mit der Gewißheit erfüllend, daß Jahve und niemand und nichts anderes in ihr fouverän iß. Man will von religiöfem Individualismus in vorexilifcher Zeit wenig wiffen,- glaubt ihn eher aus äußerem Anlaß erklären zu follen, der mit der Auflockerung der Volksgemeinde durch die Zertrümmerung der ßaatlichen Selbfiändigkeit und den Verluß des nationalen TerritorU ums gegeben war. In der Tat gründet Ezechiel feinen Kirchenfiaat, indem er jeden einzelnen Volksgenoffen in eine unmittelbare Beziehung zu Jahve fetzt, bewußt und prinzipiell mit der folidarifchen Verantwortung bricht und das Individuum als folches mit den Pflichten der Treue und Anhänglichkeit gegenüber dem göttlichen Willen bebürdet, die zuvor der gefchloflenen Gruppe obgelegen haben. Und doch iß die wichtigfie Vorbedingung des perfönlich religiöfen Lebens längß vor ihm erfüllt. Sie beruht einfach in der unendlichen Innigkeit und Inner* lichkeit, mit der föhon die älteßen Propheten die Grundtatfache des Jahveglaubens erleben. Hier liegt ein Mußerbeifpiel dafür vor, wie eine theoretifierende und rationalifierende Methode helleuchtende Tat*