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Der jüdische Wille · 1920-03-01 · Heft 4-5 (März 1920) · page 23

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 4-5 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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WIENER, NATIONALISMUS LIND IINIVERSALISMUS 193 Hier fei der Verfudi in der Riditung auf eine Hauptfrage des Prophetismus unternommen: Wie verhält fich Jahve zu Ifrael, wie zu zu den fremden Völkern? Die zumeifi übliche Auffaflung unterfcheidet einen vorprophetU fchen Stand von einem prophetifchen in folgender Weife: Der in Israel einß herrfdhende Henotheismus hat Jahve in gleichem Ausmaß zum Gotte feiner Nation gemacht wie die anderen Götter zu Herren der ihrigen. Die Bücher der Richter und Samuel zeigen zumindefi bei der großen Menge kein fonderlich hohes religiöfes Niveau. Der Nationalheros David, in dem urwüchfige Kraft eines ungebrochenen Bauernvolkes ihren ungezwungenen Ausdruck findet, beklagt fich naiv darüber, daß des Königs Saul ungerechter Grimm ihn zu Landesflucht und zu Verehrung fremder Gottheiten zwinge. <I. Sam. 26, 19.) Er beanfprucht die Freundfchaft des Moabiterkönigs für feine Eltern,- nimmt auch keinen Anfioß, fich den Philißern auf Schutz und Trutz zu verbinden. Hier wie anderwärts offenbart fich ein unbefangenes Nationalgefühl, in dem das Bewußtfein einer religiöfen Eigenart, im Sinne einer Einzigartigkeit, auch nicht leife verfpürt wird. Der Prophet Arnos bekämpft die Stimmung eines forglofen Hochgefühls, das die Siegesfreude erzeugt hat/ <Am. 3, 2,- 5,18.) Von einem be~ fonderen nationalen, gelchweige gar national-religiöfen Beruf wird nichts geahnt. Als Israel, müde der Wirren der Richterzeit, ein König* tum begehrt, da will es fein wie andere Völker,- denn es fühlte fich bisher auf niederer Stufe. Dem Samuel dünkt freilich fein Stamm fihon als das Gottesvolk, das ein irdifiher König nur feinem wahren Oberhaupt entfremden möchte. Und der Prophet Hofea warnt: »Freue dich nicht, Israel, laut nach Weife der Völker, denn treulos haß du deinen Gott verfallen. . . .« <Hofea 9, l.> In beiden Fällen iß bei der Menge keine Spur von einem Bewußtfein des Unterlchiedes, der Israel von den Heiden trennt,- beidemal fucht ein Prophet es zu wecken. Hingegen preifen die Bileamfprüche, offenbar alten Ober* lieferungen entquellend, Israel als den Stamm, der einfam wohnt, der fich nicht zu den Völkern <Heiden> rechnet <Nu 23, 9 ff.>. Erfichtlich wird diefe Eigenart als religiöfe empfunden. Wie iß in allen diefen Fällen die Beziehung zwilchen Jahve und feiner Nation gedacht? Ein feßes Band fchlingt fich um Gott und um fein Volk. Man könnte geneigt fein, diefes Verhältnis als ein natürliches im Gegenfatz zu einem fittlichen zu charakterifieren, fofern leicht zu beweifen iß, daß die Erzähler etwa der Genefisberichte für ihre Helden, die Ahnherren und Verkörperungen ihres Stammes, übertrieben liebevoll Partei er* greifen, gern den göttlichen Beißand für fie auch dort in Anfpruch nehmen, wo das Recht nicht auf ihrer Seite fleht. Abrahams ägypti* fches Abenteuer und die Streiche des lißenreichen Jakob bieten fich hier als Beifpiel an. Aber wie diefe Bedenken auch gelöit werden mögen, — ficherlich iß hier überall Jahve als der Gott dargefiellt, der durch nichts von den Seinigen losgelöfi zu werden vermag. Gott und Volk gehören zufammen. Die spekulierende Phantafie malt diefen Gott als den mächtigfien, vielleicht fogar als den einzigen, denn er hat die Welt

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