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Der jüdische Wille · 1920-03-01 · Heft 4-5 (März 1920) · page 22

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 4-5 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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192 WIENEB, NATIONALISMUS UND UNIVEKSALISMUS Propheten« <Logos VI, 1, 1916). Mit ihm und einer Gegenfchrift von Benzion Keffermann hat die Abhandlung von Gufiav Witkoivsfiy, die Heft I, 2 des »Jüdifchen Willens« brachte, die Lefer diefer Zeitfchrift bekannt gemacht. Auf das Prinzipielle diefer Auseinanderfetzung f^i hier nicht eingegangen, da wir mit Witkowsky grundsätzlich der einfühlenden Methode Troeltfchs zuftimmen. Auch wir halten den Einwand Kellermanns, daß der Mangel einer theoretifihen Grundlage für die Methodik der Einfühlung nur die Erfetzung eines Subjektivismus durch einen andern ift, nicht für durchgreifend, obwohl er theore^ tifch zutreffend ift. Denn ohne Subjektivismus, ohne den Mut, in eine Wirklichkeit fremden Erlebens hineinzußeigen und fie in der eigenen Seele zu umfangen, ift eine Brforfchung geiftigen Seins überhaupt nicht möglich. Und die Frage ist nicht: Wie werden abfolut fichere Maßftäbe von eindeutig objektiver Kraft für das Begreifen eines jenfeits der Grenzen eigenen Lebens fich erftreckenden geiftig gefchichtlichen Dafeins gewonnen, alfo objektives Kriterium gegen fubjektives Wagnis und der mit diefem verknüpften Gefahr der Willkür? Sondern — da wir mit allen Verfahrungsweifen des Verftehenwollens niemals dem Gehege des Subjektivismus entfliehen, — wie erreichen wir innerhalb diefes die erlebende Nachfchöpfung einer fremden Welt? Die rationa^ liftifche Auslegung welche die Normen und Werte der Transzendental^ philofophie im ethifchen Monotheismus der . jüdilchen Propheten enthalten findet, verfährt nicht objektiver als die Einfühlung, welche den zu erforfchenden religiöfen Gegenftand, losgelöft von der Entwicklungs^ reihe, nicht bezogen auf außerhalb feiner ruhende Werte, in feinem Fürfichfein betrachtet. Die Anfihauung unter dem Gefichtspunkte der ethifchen Entwicklung hat darum nicht ihr Dafeinsrecht verwirkt, wenn die Feftftellung des tatfächlichen Sachverhaltes, das »Verliehen« im primitiven urwüchfigen Sinn nicht folcher philofophiichen Exegefe zu^ getraut wird. Sie mag immerhin nach wie vor die rein inhaltlichen Beziehungen prüfen, die zwifchen dem Gehalt ihrer rationalen Werte und dem gedanklichen Ertrage der prophetifchen Intuition obwalten. So wenig wie die Bedeutung der empirilch^pfychologiftilchen Religions^ wiflenfthaft beftritten werden kann, welche die jeweilige Stufe aus dem mutmaßlichen Wefen des Urmenfchen und den Bedingungen der alU mählichen Lebensentfaltung zu »erklären« unternimmt. Aber ein »Be^ greifen« als inwendige Verlebendigung und perfönliche Nachfchöpfung eines geißigen Inhalts kann auf diefen Wegen nicht, erzielt werden. Und doch iß gerade diefes Begreifen erß die conditio sine qua non für dasjenige Verfiändnis, das die Einordnung des Forfchungsgegen^ ftandes in eine Wertreihe im weiteren bringen foll. Die Religion, fofern der Sinn diefes Wortes theoretifche, rationale, weltanfchauliche Elemente in fich befaßt, die erß als reife Früchte einer Reflexion geerntet werden, hat immer zu ihrem Quellpunkt Religiofität, unmittel^ bares Innewerden eines abfoluten Seins, Leben, das noch nicht zu Lehre erftarrt ift. Die immer flüffige Glut diefes Lebens muß fich dem Begreifen erichließen, in die Seele hinüberftrömen, wenn überhaupt eine Erkenntnis annäherungsweife gewonnen werden foll.

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