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Der jüdische Wille · 1920-03-01 · Heft 4-5 (März 1920) · page 20

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 4-5 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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190 WIENER, NATIONALISMUS UND UNIVERSALISMUS Wenn wir es fertig bringen, ungefähr fo unfere einleitenden Ge~ fdiiditskurfe aufzubauen, dann wird es auch gelingen, die jüdifche Gefchidite neben der eingehenden Befchäftigung mit der hebräifchen Literatur, die unbedingt dazu gehört, fo in den Mittelpunkt unferes geißigen - Korporationslebens zu (teilen, daß wir uns nicht, wie einige fürchten, zu einer »Lehranßalt für die Wiflenfchaft des Judentums« entwickeln, wohl aber zu einem jüdifchen geißigen Leben kommen werden, eine Forderung wie fie uns, die wir uns Akademiker nennen, eigentlich felbßverftändlich fein muß. Dann werden auch die Klagen über mangelnde zionißifche Intenfität, über Volksfremdheit ufw. in vielem fdiwächer werden. Hier fcheint mir eine wefentliche Aufgabe zu liegen, von deren Löfung wir heute noch ziemlich fern zu fein fcheinen. Bwtin RICHARD WALZER NATIONALISMUS UND UNIVERSALISMUS BEI DEN JÜDISCHEN PROPHETEN Gelingt die Ermittlung des rechten Sinnes diefer Gegenüber* ßellung, die klare Schürzung des Problems, fo iß die Frage, die in diefem Thema liegt, zum guten Teil beantwortet. Was ihrer einwandfreien Lösung Schwierigkeiten bereitet, das iß der allgemeine Grund, der religionsgefdiichtliche Unterfudiungen fo oft verwirrt und um die Sachlichkeit wahrhaft finnvoller Ergebniffe betrogen hat: Die Schrift* fieller der kanonifchen Bücher aller Völker und Religionen haben faß unter den Augen der von ihnen verherrlichten Heroen damit ange* fangen, und die theologilchen Kommentatoren, Philofophen, Syßematiker und Apologeten haben es fortgefetzt, die eigenen Gedanken und Glaubensmeinungen, religiöse Anliegen und wiflenichaftliche BedürfnifTe, ethifche und metaphyfißhe Anfprüche in die heiligen Urkunden hinein* zuinterpretieren. Die Folge war, daß biblilche Bücher und erß recht die AuffalTungen, die man von ihnen bekam, nicht mehr das Bild urfprünglicher Religion fchauen ließen, fondern vielmehr eine Spiegelung zeitlich bedingter und befchränkter Theologie darfiellten. Befondere Umßände wollten es, daß die Diskuffion diefes Problems im gegenwärtigen Judentum durch jenes allgemeine Schickfal religionsgefdiichtlicher Gegenfiände vom Wege zum Ziel fruchtbaren Refultates abwendig gemacht wurde. Indem die liberale protefiantifihe Theologie danach firebte, die vom kirchlichen Dogma gelehrte Gottheitsnatur Chrifii in ein vollkommenes. Menlchentum aufzulöfen, mußte fie die Sittlichkeit der Evangelien als Überhöhung der altteßamentlichen aufzeigen. Als wefenhafte Leißung der neuen Stufe wurde der nun vollendete Durchbruch durch den nationalen Partikularismus zum reinen weltweiten Menfchheitsgedanken gepriefen. Damit wurde die Oppofi* tion des liberalen Judentums auf den Plan gerufen. Diefes ging auf

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