Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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WALZER, DER GESCHICHTSUNTERRICHT IN JUGENDORGANISATIONEN 187 DER GESCHICHTSUNTERRICHT IN JUGENDORGANISATIONEN Man geßatte mir einige wenige Worte zur Einleitung über das allgemeine Ziel, das uns bei der Befchäftigung mit der jüdifdien Ge* fdhidite vorfchweben muß, mit welcher Grundeinßellung wir an fie herantreten follen. Wir müffen zu einer lebendigen Anfchauung der jüdifdien Gefdiidite vordringen und darüber hinaus dazu zu kommen fachen, fie innerlich mitzuleben. So lebendig müffen uns die ent* Icheidenden Ereigniffe werden, daß wir felbß in ihnen leidenfchaftlich für und wider Partei nehmen. Als Beifpiel denke man etwa an die allgemeine Lage vor Jerufalems Fall im Jahre 586, die uns kürzlich Stephan Zweig fo packend gefchildert hat. Die jüdifdien Helden müffen aus dem Nebel, in dem fie für uns heute liegen, fich klar und deutlich vor uns abzeichnen, fo daß wir einmal aus innerßem Erleben heraus unfere Kinder für fie begeißern können und fie ihre jugendliche Phantafie nicht in erfier Linie mit Sagen fremder Völker zu befriedigen brauchen. Wenn wir unfere Befchäftigung mit der jüdifdien Gefdiidite unter diefem Gefichtswinkel auffaffen, dann wird fie eins der vornehmlichßen Mittel fein, jenes jüdifdie Kulturbewußtfein zu fdiaffen, nach dem unfer aller Sehnen geht und das auch in Paläfiina einen nicht unwefentlichen Faktor in der künftigen Entwicklung darfiellen wird. Hier hört man feltfamer Weife häufig den Einwand, nur Menlchen, die fich wiffenfchaftlich mit der Gefdiidite befchäftigen, könnten zu diefem Ziel vordringen. Man kann diefe Behauptung nicht fdiarf genug zurück^ weifen. Die Forderung gefchichtlidien Denkens richtet fich heute wohl an jeden gebildeten Menfchen, der nicht für den Tag lebt, und fich bemüht, die Welt sub specie aeternitatis zu betrachten, wieviel mehr an uns Zionißen. Wie follen wir nun in unferen Kurfen, Fuxenfiunden oder wie wir es nennen mögen, Gefdiidite treiben? Welche Gefiditspunkte follen da für die Darßellung maßgebend fein? Nicht darauf kommt es an, in diefen Kurfen unferen Bundesbrüdern viel toten Wiffenskram zu vermitteln, fondern ihnen Liebe und Ehrfurcht für die Gefdiidite zu geben und fie möglidifi zu eigener Befchäftigung mit Spezialgebieten anzuregen. Als warnendes Beifpiel, wie man es nicht machen foll, fchwebt mir der Gefdiiditsunterridit vor Augen, den wohl die meißen von uns leider auf der Schule genoffen haben. Wir find nicht mehr darauf abgefiimmt, haufenweife und in lofem Zufammenhang Zahlen und Daten einzupauken, wie auf dem Gymnafium oft noch auf der Oberßufe, wir müffen jüdifdie Gelchichte fo lernen, wie es unferem Alter, unferer geißigen Reife entfpridit. Alfo fich nicht auf noch fo viel Zahlen und Einzelheiten befdiränken. Wenn ich beifpielsweife weiß, daß im Jahre 444 (übrigens eine fehr fdiöne Zahl!) Efra das Volk auf die Tora verpflichtete oder 1492 die Juden aus Spanien ver* trieben wurden, fo weiß idi nichts damit, wenn ich nicht die großen