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Der jüdische Wille · 1920-03-01 · Heft 4-5 (März 1920) · page 16

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 4-5 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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186 HOLDHEIM, KRITISCHE BEMERKUNGEN ZUM ERZIEHUNGSPROBLEM Unfere Atmofphäre erhält durch fie eine atembeklemmende Müffigkeit. Sie wirken fdion bedrückend, wenn fie nur dazugehören. Zu Erziehern taugen fie weiß Gott nicht. Muß man fidi fchon damit abfinden, daß Menfchen »mittlerer Art und Güte« die Erziehung obliegt, da Führerperfönlichkeiten fo gut wie nicht vorhanden find, — d i e f e Forderung wenigßens muß von jedem, dem wir unfere Jugend anvertrauen, erfüllt werden: Er muß ein Menfch und das heißt ein Kämpfer fein. Kämpfer in dem Sinne, daß er mit dem ganzen Einfatz feines Lebens um feine Entwicklung ringt, feiner einmaligen Wefensart ficfa zu nähern müht. Oft wird es gefagt, daß die beße Erziehung im Vorbild beßeht, nur wird leider der Sinn diefes Satzes faß ebenfo oft mißverßanden. Denn niemals darf der Erzieher danach fireben, den Jüngeren nach feinem Ebenbilde umzuformen, nicht in ihm die Sehnfucht erwecken, ganz fo werden zu wollen wie er, der andere, iß. Wir verdammen es, wenn ein Volk lieh an ein anderes bis zur Selbßentäußerung zu affimilieren fucht. Wie können wir dann eine Erziehung gutheißen, die in ihrer Wirkung dem Objekte meifi unmerklich, den individuellen Lebensäußerungen keine Entfaltungsmöglichkeiten gewährt, es immer anpaflungsfähiger werden läßt, und nur bei ßarken Naturen nicht mit totaler Fixierung an das »Vorbild endet? Zum Vorbild darf nur das werden, was die Richtung weiß für die Geßaltung des eigenen Lebens, das den eigenen Gefetzen unterworfen iß. Nie darf das Ideal, das der Jüngere im Herzen trägt, in getreuem Abbild die Züge feines Helden tragen, der ein anderer iß als er. Was auf ihn wirken darf, iß einzig die geißige und feelifche Haltung den Fragen des Lebens gegenüber Mit dem blutigen Ernß und der geifiigen Freiheit, die er an dem Älteren hat wahrnehmen können, mit der Unerfchrockenheit, Charakterfeßigkeit und Hingabe, die er an jenem bewunderte, hat er das Werk des eigenen Aufbaus zu beginnen : lieh zu erkennen und fidi zu vollenden. Und wenn auch der überlegene Freund hier und da wird helfen und leiten können,ja manchmal fogar die Verpflichtung fühlen muß, feinen unmitteU baren Einfluß zur Geltung zu bringen, im letzten Grunde ßeht jeder im Kampfe um feine Entwicklung allein. Indem er, fei es in Einfamkeit, fei es in menfehlicher Gemeinfchaft, vom Strome feines Lebens erfaßt wird, reift er zum Manne, und es iß fein Schidkfal, daß er »der Lebens^ wunden Tücke und der Liebeswunden Lufi« am eigenen Leibe durchkoßen lernt. Diefen fdhmerzlichen und doch fo köfilichen Entwicklungs* prozeß durch tapfigen Eingriff zu fiören, heißt die Heiligkeit menfehlichen Lebens mißachten. Bertin GERHARD HOLDHEIM

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