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Der jüdische Wille · 1920-03-01 · Heft 4-5 (März 1920) · page 15

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 4-5 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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HOLDHEIM, KRITISCHE BEMERKUNGEN ZUM ERZIEHUNGSPROBLEM 185 denkbar fei, und fprachen wir nicht gerade jenen überhaupt die Mög* lichkeit ab, zu dem ihnen eigentlich gemäßen Leben zu gelangen? Gewöhnen wir uns doch endlich daran, aus unferer Vorfiellung von Individualismus die Elemente des Eigenbrödlerifchen, Separatifiifchen, Afozialen auszumerzen und in ihm nichts weiter zu fehen als »die proportionierliche Ausbildung der menfchlichen Kräfte und deren indi* viduellen Eigentümlichkeiten«. So formulierte es Wilhelm von Humboldt, und er hieß diefe auf die eigene Vollendung gerichtete Einfiellung den »letzten und höchfien Zweck jedes Menfchen«. Ich fagte fchon, daß in der Theorie keiner von uns einer folchen individualifiifchen Lebensführung widerfprechen wird, und worauf es mir ankommt, iß ja nur, zur Betätigung diefer Gelinnung in unferer Jugenderziehung beizutragen. Wir haben nicht nur jeder im Rahmen des Zionismus liegenden An* fchauung Spielraum und Refpekt zu gewähren, es gilt vor allem, für die noch Unfertigen die Vorausfetzungen freier autonomer geißiger Entwidkelung zu fchaffen. Und das heißt: Man belafie fie nicht mit fremden fertigen Gedanken und erkenne, daß nur das von Wert fein kann, was fie fich felbfi fauer erarbeiten, was eigenem Denken entfirömt. Es darf nicht fein, daß wir Menfchen heranbilden, die Worte gebrauchen, mit denen fie keinen deutlichen Begriff verbinden. Anfchauung und Erkenntnis müflen dem Begriffe, vorangehen. Es iß immer noch belfer und ficherlich liebenswerter, wenn jemand verwirrte und unger^ifte Gedanken verzapft, die er fein eigen nennen kann, als wenn er nach Jüngermanier die Heilsworte feines Meißers blind und ßier nachbetet und dadurch nur zu ihrer Diskreditierung beiträgt. Geißige Leißung kann doch nur dann Wert und werbende Kraft befitzen, wenn man es dem Verkünder anmerkt, daß fie aus feinen inneren Bedingungen heraus erwachfen, daß fein Erleben originärer Art iß. Wer dagegen fein Erleben von andern ableitet, mit Begriffsgebilden um fich wirft, die ihm felbfi keine rechte Anfchauung ermöglichen und ach fo garnicht feinen geifiigen Verhältniflen entfprechen, iß eine unmögliche Figur. Er fällt belferen Menfchen auf die Nerven. Und um fo peinlicher wirkt er, je aufdringlicher er den andern feine »Wahrheiten« anbietet, je abfoluter er fich geberdet. Es iß Erfahrungstatfache, daß folche Produkte verkehrter Erziehung unfere Sache empfindlich fchädigen. Nicht viel Scharffinn, fondern nur ein klein wenig Infiinkt gehört dazu, um die Flachheit, die fich hinter den großen Worten verbirgt, zu ent* larven, die Unechtheit und Leblofigkeit der Gefühle herauszuhören. Und was iß dann natürlicher, als daß der alfo Abgefchreckte die Einzel* fälle verallgemeinert und den Ungeifi der Dumpfheit und Enge, den verlogenen Fanatismus auf die ganze jüdifche Bewegung bezieht? Die Reinlichkeit und das Interefle unferer Sache erfordern es, jenen, die das wahre Menfchentum und ähnliche fchöne Dinge in Erbpacht zu befitzen wähnen, einmal deutlich zu erklären, daß wir ihnen die Legitimation abfprechen, für ihre Verworrenheiten die zionifiifche Idee zu reklamieren. Die in heteronomen Bindungen befangen, niemals den Strom eigenen Lebens haben raufchen hören, follten fich überhaupt hüten, von Menfchlichkeit zu reden. Ich fehe in ihnen Unmenfchen.

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