Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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184 HOLDHEIM, KRITISCHE BEMERKUNGEN: ZUM ERZIEHUNGSPRÖBLEM KRITISCHE BEMERKUNGEN ZUM ERZIEHUNGSPROBLEM Nach all den langatmigen und ßhwülßigen Äußerungen, mit denen zionißifdie Erziehungstheoretiker unfere Zeit und unfere Nerven immer wieder in Anfpruch nehmen, wäre es einmal lohnend, in einem einfachen Satze den Leitgedanken jeder Erziehung feßzulegen. Es ließe lieh etwa fagen: Erziehung iß die Kunfi, die fdilummernden Kräfte eines andern zu löfen und zur Entfaltung zu bringen, auf daß diefer in einem höheren Sinne er felbß werde. Die Entwicklung geißiger Menlchen iß oft langwierig und vollzieht fich nicht ohne Erfchütterungen. Wer dies verkennt und den Reifeprozeß des Jüngeren dadurch abzukürzen fucht, daß er ihm möglichlt viel Fertigfabrikat eigner und — was noch viel fchlimmer ift — felbß angelernter Erkenntnis zuführt, iß nicht Führer, fondern Verführer. Nirgends kann die Gefahr der geißigen Mißhandlung jugendlicher Menfdhen größer fein als in einer Bewegung, die ihre Tendenz in der Nationalifierung und Politifierung ihrer Glieder erblickt. Wie lalfen ficfi doch die tölpelhaften Überrumpelungsmethoden fo fihön mit der Notlage des Volkes, der Un^ gewöhnlichkeit unferer Aufgaben rechtfertigen. Sie mögen es noch fo fehr beßreiten und die Freiheit des Geifies proklamieren — das wahre Heil fehen diefe »Führer« doch in der Uniformierung, nur durch fie erfcheint ihnen eine fthlagfähige Phalanx nationaler Streiter garantiert. Und fie erkennen nicht, wie wenig eine geißige Bewegung mit Menlchen anfangen kann, die, eigenem Denken entwöhnt, abgefiempelt durch die verba magistri, die Autonomie ihres eigenen Lebens nie erreicht haben. Wie es dazu kam, daß in unferen Reihen der Begriff des Individualismus geradezu zum Schimpfwort wurde, wilTen wir ja. Man fah jene traurigen Geßalten, die in einem hemmungslosen Sichausleben KultU vierung delTen erblickten, was fie Perfönlichkeit nannten. Jene Luftmenfehen, die des ruhenden Poles naturhafter Bindungen, des Organes für die Notwendigkeit sinnvoller Einordnung in eine Gemeinfihaft ermangelten. Vielleicht lag es in der gefihichtlichen Situation begründet, daß fich in der neuen jüdifchen Bewegungr der die Überwindung dieles zerfallenen Menßhentypus als erzieherißhe Aufgabe vorfchwebte, bald Tendenzen bemerkbar machten, die mit dem Gegenextrem die Antwort gaben. Mit der lebendigen Erkenntnis der Notwendigkeit nationaler Solidarität, dem Gefühl perfönfahfier Verpflichtung der Gefamtheit gegenüber ließ man es nicht mehr bewenden, und man ging daran, den neuentdeckten Difziplinbegriff durch Befchneidung des indU viduellen geißigen Lebens entarten zu laflenT" Es wird höchfie Zeit, daß wir uns von der Schreckvorßellung frei machen, als wäre indU vidualißifche Lebensgeßaltung mit nationaler Einßellung unvereinbar und womöglich ein Monopol jener wurzellofen Verfallerfcheinungen. Haben wir nicht im Gegenteil immer behauptet, daß nur auf der Grundlage nationalen Bewußtfeins der ir fich ruhende jüdifche Menfdi