Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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TROMM, TRADITIONELLES JUDENTUM UND ZIONISMUS 181 Breuer ßatuiert das, was als Ziel zu fordern iß, als Voraus* fetzung, und er verneint damit den Begriff der Nation im Innerßen. Er Geht nicht, daß es allen Dingen gegenüber zwei Betraditungsweifen gibt / eine, die die Erfdheinungen »letzten Endes« betrachtet, d. h. vom Standpunkt des Menfihen, der einen Augenblick von feiner Arbeit aus* ruht und neue Kraft in dem Bewußtfein und der Hoffnung auf ein glückliches Ende fihöpft, und eine zweite, die vom Standpunkt des aktiven, fchaffenden Menfihen ausgeht, der Geht, daß »das letzte Ende« durdh »vorletzte Mittel« erreicht werden muß. Beide Betrachtungsweifen können nebeneinander vorhanden fein. Ein verhängnisvoller Fehler iß es jedoch, fie zu vertaufihen, aktuelle Aufgaben »letzten Endes« zu betrachten und umgekehrt. Diefen Fehler begeht Breuer, und die ganze Orthodoxie, wenn fie ihre Mitarbeit im Zionismus deshalb verweigern, weil er die Vorausfetzungen nicht erfüllt, die doch gleichzeitig auch letzte Ziele find. Sie nehmen für fich den prophetifdhen Gedanken des »schear jaschub« in Anfpruch und fehen nicht, daß das Refultat letztlich ein Reft fein wird, daß unfere Arbeit von vornherein aber fich auf alle erßred^en muß. Die Orthodoxie entfernt fich damit weit, weit von den Wegen, die unfer Volk und feine Großen immer gefchritten find, für die der Jude, wie er auch immer zum Gefetze ßand, Jude und Bruder blieb. Und wenn heute unferm Volk eine Generation erwächß, die mit der ganzen Glut ihrer Seele zum Ziele der Erlöfung unferes Volkes hinarbeitet und nur deshalb zum großen Teil losgelöß von den Normen unferes Volkes lebt, weil fie in Entfremdung vom Judentum aufgewachfen iß, fo heißt es, jeden jüdifihen Gefühls bar lein, wenn man fie teilnahmslos ihren Weg ziehen läßt und fein Intern efle in Bannflüchen bekundet. Die Orthodoxie fieht, daß der zionißifihe Nationalismus dem wahrhaft jüdifihen Nationalismus in vielem nicht gerecht wird. Sie befitzt aber nicht mehr die Elaßizität, mitzuwirken und zu ändern, und fo zieht fie fich grollend zurück. Die Orthodoxie glaubt, »den jüdifihen Weg« zu haben. Die zionißifihe Jugend glaubt, daß es auf den jüdifihen Willen ankommt und daß es nur Mutlofigkeit und Feigheit fein kann, wenn einer daran zweifelt, einer jüdifihen Jugend, die als Vorausfetzung nichts als den heißen jüdifihen Willen hat, auch den jüdifihen Weg zeigen zu können. Orthodoxie und Reform kämpften gegeneinander und waren doch für einander unangreifbar. Hatten fie doch beide gleichmäßig Unrecht und gleichmäßig Recht. Wenn die Reform fagte, aaß die jüdifihe Religion und vor allem das Gefetz in feinem gegenwärtigen Zuftand nicht auf die Dauer wie eine Mumie konferviert bleiben kann und wenn fie mit viel Scharffinn und Kenntnis bewies, daß das Gefetz immer einer Entwicklung unterlegen war ,• wenn die Orthodoxie glaubte, daß das ganze Gebäude krachend zufammenfiürzen müfle, wollte man nur ein winziges Steinchen herausnehmen, fo mußten beide irren, weil fie nicht erkannten, daß das Gefetz nur dann allein Sinn und Berechtigung hat, wenn es die Norm eines lebendigen Volkes iß, daß Reform nicht heißen darf., einen toten Körper fezieren und ihm ein Glied nach dem anderen ^bfchneiden, fondern dem Wachfen eines lebendigen Körpers