Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 4-5 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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176 LANDAUER, WAS WILL DAS K.J. V.? daß die Vergangenheit des jüdifdien Volkes nicht die Heroengefchichte eines Stammes ift, die fifiönßen Stoff für Kinderfiebeln und Nahrung für ungefunden Chauvinismus bietet. Wenn wir gelten lalfen, daß Nationen fchöpferifch der Menfchheit Kulturgüter gefpendet haben, fo mülfen wir das jüdifche Volk an hervorragender Stelle nennen. Freilich an dem bunten Leben in Hellas und Rom find wir kaum be^ teiligt. Und wir können an diefer Stelle nicht unterfuchen. warum Kunft und Wiffenfchaft der Antike gerade Werke der Griechen und Römer find. Aber als das Leben diefer Völker entartete und ihr heiterer Götterhimmel zufammenftürzte, ging auch ihnen die Lehre von Zijon aus. Die Jefaja und Jeremia, Bsra und Juda Makkabi, die fürs Judentum erglühten, haben für die Welt gelebt. Unzweifelhaft ift auch in der Gegenwart die Rolle des jüdifchen Volkes nicht ausgefpielt/ und wenn in der heutigen Entartung Männer aufftehen, und wiederum für ein heileres und reineres Leben kämpfen, fo dünkt mich bei aller Befcheidenheit, daß wiederum Juden die Rufer im Streit find. Die Gefchichtsphilofophen werden beweifen, daß die Propheten nur der organifierten jüdifchen Gemeinfchaft in Paläftina entftammen konnten, daß das Chriftentum nur aus der Entwicklung des durch die Makkabäer neuorganilierten jüdifchen Volkes zu begreifen ift, daß nur der Zu^ fammenfchluß im Ghetto die Juden unferer Gegenwart erhielt, und daß daher nach der {hoffentlich endgültigen) Erledigung des Ghettos fich in der gegenwärtigen Nationalbewegung der noch ftarke Lebenstrieb unferer Gemeinfchaft offenbart. Nun, der feft im Judentum Verwurzelte bedarf keines hiftorifthen Beweifes. Unfere bis auf die Knochen affimilierte Weftjudenheit aber tut gut, fich durch den Stolz auf die Vergangenheit den Willen für die Zukunft unferes Volkes zu ftärken. Wir glauben an eine unferer Vergangenheit würdige jüdifche Zukunft. Und weil wir an fie glauben, finden wir die Kraft, dafür zu arbeiten. Allerdings läßt fie fich auf der jüdifchen Gegenwart nicht aufbauen. Denn diefer find die Zeichen der unnatürlichen Lebensweife aufgeprägt — von der tatfächlichen Unproduktivität der Juden über die Alfimilation hinweg bis zur unmittelbaren Deutung der Volksexistenz. <Eine fpätere Zeit wird nur Ironie dafür finden, daß unfere Generation in lebhafter Auseinanderfetzung begriffen iß, ob die Formel für die Judenheit lautet »Volk« oder »Religionsgemeinfchaft« — die doch jedem Nichtjuden zugänglich ift — oder ob das Wefen des Judentums nicht doch feine Ethik fei, die fogar die Aufgabe habe, die Nichtjuden zu erobern. Sowohl Religion wie Ethik erheben ja den Anfpruch der Allgemeingültigkeit, fie haben univerfaJiftilche Entwicklungstendenz. Der Selbfterhaltungstrieb einer Gemeinfchaft kann fich daher unmöglich in ihnen ausleben. <Diefer Streit der verwirrten Begriffe zeigt die Unhaltbarkeit einer Lage, die zu folcher Ausdeutung führen konnte.) Die Kräfte des jüdifchen Menfchen hier find gebunden. Nur in der Gemeinfchaft, der organilch gefügten, aus allen Berufen gefpeiften, wieder mit dem Boden verwachfenen Gemeinfchaft kann das Individuum fich frei entfalten. Und da in der Diafpora die organifierte jüdißhe Gemeinlchaft durch die andersgearteten Lebensbedingungen nicht