Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1919-11-01 · Heft 3 (November 1919) · page 54

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 3 (November 1919)
Date
1919-11-01
Page
– (sequence 54)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2827066-2827074-2827077--0587-2827691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

UEBER DAS ZEWEN DER HEBRAr ISCHEN SPRACHE. Die Dinge, die idi darlegen will, find uralt, fo alt wie unfere Sprache felbß, und längß erkannt, aber dennoch glaube icfi, daß in unferer Zeit nicht genug auf fie hingewiefen werden kann. Die hebräifche Sprache war bis vor kurzer Zeit, wenigftens unter den Juden Weßeuropas, nur der Befitz einer kleinen Anzahl Erwählter, welche diefe Sprache aber nie im täglichen Leben gebrauchten, fondern für welche die hebräifche Sprache Gegenßand des Forfchens und Lernens war/ fie war die Sprache, derer das Volk fich nur im Gebete und in den bedeutungsvollen Feierßunden des Lebens bediente. Diefe Sprache tritt nun aus dem engen Kreife der Lernenden und Betenden heraus, um wieder ein Gut des ganzen Volkes zu werden, um das Volk nicht mehr allein in feinen heiligen Feierftunden zu erheben, fondern um das ganze Leben des Volkes zu erfüllen. Jeder, der den ernften Willen hat, an dem Aufbau Paläßinas an Ort und Stelle mitzuarbeiten, beginnt hebräifch zu lernen, und auch viele derer, denen die Schwerkraft der fie von ihrem erßrebten Ziele fortreißenden VerhältnilTe mannigfacher Art unüberwindlich erfcheint, wollen wenigftens durch das gemeinfame Band der Sprache mit den in vorderfter Reihe kämpfenden Brüdern verbunden und fähig fein, an ihrer Arbeit und ihren Schöpfungen ftärkften Anteil zu nehmen. In diefem bedeutenden Augenblick, in dem die Sprache aus dem behüteten Heilige tum ins Volk tritt, ift die Gefahr am größten, daß diefe Sprache zu einem bloßen Verßändigungswerkzeuge im Munde der Lernenden wird, zu einem Konglomerate von Vokabeln und grammatifchen Regeln, derer man fich bedienen kann, um Sätze zu bilden und (ich zu verßändigen, ohne fich dabei bewußt zu werden, welches denn der eigenße, urfprüngliche Sinn des Wortes fei, das man da ausfpricht, in welchen Beziehungen es zu andern ähnlichen Worten ftehe und welches ihr gemeinfamer Stamm fei. Das Volk, deflen Sprache ihm zum toten Werkzeug der Verßändigung ge* worden und das fich feiner Sprache bedient, wie das Tier feiner unartikulierten Laute, ift zur geiftigen Unfruchtbarkeit verdammt. Erft in dem Augenblick, in dem ein Menfiii fich der Gedankenreihen bewußt wird, die zur Formung feiner Sprache geführt haben, erft in diefem Augenblicke wird er fich feiner ererbten Denkweife und Geßaltungs* kraft bewußt und fucht diefe Kraft nadi Möglichkeit zu entfalten. Vielleicht ift die Urfache des heutigen Mangels an wirk* lieh großen und dauernden Schöpfungen unter den Völkern Europas darin zu fuchen, daß für diefe Völker tatfächlich ihre Sprache zum toten Verßändigungs- Werkzeug geworden ift, welches keiner Entwicklung fähig und über deflen Werden nur wenig Forichende nachfinnen. ~- Aus dem Munde der jüdifchen Jugend tönt uns heute auf Schritt und Tritt der Gruß »Schalom« entgegen. Was heißt »Schalom«? Die wenigften wiflen es! »Friede« lautet gewöhnlich die Antwort. Nein, Friede gleich Freude gibt es für den Juden nicht! »Schalom« heißt »ganz« fein! Der Friede muß »ganz« fein, muß das bisher Feindliche zu einer Einheit verbinden, die feft gefügt ift und bei der kein Fünkchen Haß zurückbleibt! Schalleim <Piel von Schalom) heißt bezahlen, »feiner Pflicht nachkommen«. Denn nur der lebt innerlich mit fich in Frieden und ift ein »ganzer« Mann,, der feine Pflicht gegen Gott und Menfchen erfüllt! Ein zweites Beifpiel. Nur wenige wiflen, daß die Worte lechem <Brot> und milchamah <Krieg> gleichen Namens find, daß in der Bibel fogar lechem in der Bedeutung Krieg vorkommt! Kein dauernderes Denkmal konnten fich unfere Väter für ihr Heldentum fetzen! Wenn wir vernehmen, daß Brot für fie Kampf und der Kampf für fie das Brot bedeutete, fo überkommt es uns wie eine Ahnung des fihweren Dafeinskampfes, den fie unter feindlichen Stämmen, umgeben von den Schrecken der Wüfte, zu führen hatten! Und nun noch ein Beifpiel, das uns den Geftaltungswillen des jüdifchen Volkes fo recht vor Augen führt! Jeder, der angefangen hat, hebräifch zu lernen, kennt aus der Jerften Lektion der Grammatik von Rath das Wort chalon <Fenfter>. Was iß die eigentliche Bedeutung diefes Wortes? Chalol heißt durchbohren, verletzen! Chalon, das Fenßer, iß die durchbrochene Stelle der Wand/ ein durchbohrtes Holz wird zur Flöte, chalil. Wird ein Gebot verletzt, fo wird es entweiht/ challeil heißt daher entweihen. Was alfo außerhalb des Heiligtums und unheilig iß, wird mit »chol« bezeichnet/ chol iß daher der Wochentag im^Gegenfatz zum Sabbath/

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.