Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 3 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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TRISCHMANN, DIE EHERNE SCHLANGE 163 Die Dudaniter find ein kleiner Volksftamm, von dem Wunder* bares erzählt wird: — es fterben die Männer am Tage, wo fte ein Weib lieben. Denn ihre Liebe iß nicht wie die Liebe der übrigen Menfchen: nicht mit dem Ungeßüm der Sinne lieben fie, fondern mit der Zartheit des Geifies, Mit allen Fafern ihrer Seele und mit allen Fiebern ihres Herzens lieben fie, mit ihrem ganzen Fleifch und Blut. Audi der kleine Nagel auf dem Daumen ihrer Hand liebt, und auch das Haar auf ihrem Haupte glüht vor Leidenßhaft. Wie Feuer ergreift fie plötzlich die Liebe, verzehrt ihr Herz und ihren Leib, und fie ßerben zuletzt wie das Licht an der Lampe erfiirbt. Die unglückliche Frau wußte dies alles. So war vor zwanzig Jahren auch ihr Gatte gefiorben, als er fie liebte, und fo war auch ihr Bruder in feiner Jugend gefiorben. Einundzwanzig Jahre alt iß Difchon, ihr Sohn, und noch hat er kein Frauenantlitz entlchleiert gefehen bis zu diefem Tag. Und der Knabe ging im Lager umher und träumte feine Träume. Tagsüber filchte er, und nachts blies er auf feiner Flöte. Eines Tages faß er auf einem hohen Baum inmitten der Zweige — er hatte ein Taubennefi gefehen und wollte die Mutter fortjagen, um die Jungen mit fidi zu nehmen — da, in diefem Augenblicke fahen feine Augen ein Mädchen, das unten fiand, und Trunkenheit kam über ihn in diefem Augenblidte wie glühendes Feuer und ergoß fich durch alle feine Adern. Sein Herz hörte einen Augenblick lang auf zu Ichlagen und als er herabfiieg, war das Mädchen verlchwunden. Er fprach kein Wort und ging. Forlchte nicht, fragte nicht und ging. Nur eins wußte er, daß fie von hinter den Bergen flammte, denn kein Schleier hatte ihr Antlitz bedeckt, und dies iß nur die Sitte der Jungfrauen, die hinter den Bergen wohnen,- und er machte fich auf und ffing nach dem Land hinter den Bergen. Wenn er feine Augen fchloß, ah er ihr Bild vor fich, und wenn er fie öffnete, war es verlchwunden. Und er ging fort und fort, um die Berge herum und ruhte nicht einen Au^en* blick, wie ein Hund, der auf feinen Spürfinn vertraut, ging er Tag und Nacht und wußte genau, er würde zu ihrem Zelte gelangen. Als er zu einem der Zelte gekommen war, hielt er feinen Schritt an. Da wußte er plötzlich, obwohl es ihm niemand gefagt hatte, daß fie hier wohne. Tag und Nacht lauerte er. Morgens fiand er auf dem Gipfel des Berges,<*der gegenüber ihrem Zelte gelegen war, und lauerte, und abends kauerte er zwifchen den Sträuchern hinter ihrem Zelt und wartete. Und eines Tages in der Dämmerung, nachdem die Sonne untergegangen war, wulch fie fich im Fluffe Sered, während ihr Herz nichts Böfes ahnte, und Difchon fah fie nackt. Da wurde fein Antlitz plötzlich bleich, fo weiß wie der Kalk im Tale Jericho. Und a4s er nach vierzig Tagen zu dem Zelte feiner Mutter zurück* kehrte, das in Tjje^Awarim lag, erkannte ihn feine Mutter nicht wieder. Er ging nur noch wie ein Schatten umher und war matt und müde und fehr Ich wach. Zuerft fprach er kein Wort,- aber fpäter fank er plötzlich feiner Mutter in den Schoß und weinte bitterlich. Dann kauerte er auf der Erde inmitten des Zeltes und lag dort drei Tage lang.