Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1919-11-01 · Heft 3 (November 1919) · page 48

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 3 (November 1919)
Date
1919-11-01
Page
– (sequence 48)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2827066-2827074-2827077--0581-2827685
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

162 TRISCHMANN, DIE EHERNE SCHLANGE ein Midianiter war, fondern fie nahmen ihn mit lieh und brachten ihn in das Gebiet Israel bei Tjje^Awarim. Dort wiefen fie ihm einen Platz an inmitten der Kinder Israel, im Stamme Gad. Da kam zu ihm ins Lager audi feine Mutter Keturah, um bei ihm zu bleiben, und man fchl|ig für die beiden ein kleines Zelt auf, worin fie zufammen wohnten. Das ganze Lager von einem Ende bis zum anderen kannte den jungen Midianiter, der fo träumerilche Augen hatte und auf deffen Antlitz immer ein fo fanfter, trauriger Zug fdiwebte, während auf feinem Haupte goldene Lodken wie kleine achlangen umherflatterten, und der inmitten des Lagers den ganzen Tag über wie ein Träumender umherging. Vom Himmel herab brannte die Sonne und betäubte jedermann durch die Hitze ihrer Strahlen, während unten der Sand wie eine Flamme glühte und jedes Herz trunken machte/ aber der Jüngling wußte es nicht und achtete nicht darauf. Tag für. Tag ftieg er herab an das Ufer des Arnonflufles, der am Dorfe Arorer vorbeifließt, verfertigte Geh eine Angel, warf fie ins Wafler, um Filche zu fangen, und faß dort den ganzen Tag und träumte/ am Abend ßieg er auf den Gipfel des Berges Hör, (chnitt (ich ein kleines Rohr und machte fich eine Flöte,- auf feiner Flöte fpielte er bis zum Beginn der Nachtwache — dann horchte die ganze Wüfte ringsum auf, laufchte den fanften Tönen und hielt für einen Augenblick den Atem an. Wie eine dahineilende, zitternde Sehnfucht zog es weiter auf Windesflügeln, fo unfagbar traurig, und es klang wie die wehmütige Stimme eines Weinenden,- auch der Himmel merkte auf, und die Sterne erzitterten auf ihren Bahnen. Die Männer und Frauen am Fuße des Berges verließen ihre Zelte, ftanden (tili, laufchten und blickten verwundert/und plötzlich feufzten und träumten auch fie. Manchmal gefchah es, daß der Jüngling am Tage plötzlich feine Angel oder in der Nacht feine Flöte von (ich warf/ dann ftreifte er den ganzen Tag durch die Gefilde Moabs und irrte die ganze Nacht an ewig einfamen Orten umher,- und wenn aus der nächtlichen Stille das Geheul eines hungrigen Wolfes an fein Ohr fchlug, dann lebte er für einen Augenblick auf und ging ihm entgegen. Und feine Mutter verwehrte ihm nicht zu gehen, wohin fein Geiß ihn trieb. Nur einmal erfüllte fie ihm nicht feinen Wunich. Als in den Tagen des großen Feßes bei Awel Schittim die Jungfrauen vor dem Baal Peor fich verfammelten, um ihren Reigen zu tanzen und dort ihre Jungfräulichkeit zum Opfer zu bringen, und das ganze Volk von nah und fern hinaufzog, machte fich auch Difchon auf, um nach Schittim zu gehen — aber da verweigerte feine Mutter ihm die Erfüllung feines Wunfehes und erlaubte es ihm nicht. »Gehe nicht, mein Sohn, gehe nicht! Wenn dir deine Seele teuer iß, mein Sohn, gehe nicht. Dort tanzen jene Mädchen, die Ichöner find als alle Töchter der Erde, die je ein Weib geboren'hat.« Und der Knabe hörte die Worte und verßand fie nicht. Aber das ganze Volk, das herumfiand, hatte fie verßanden, und fie flüfterten einander kopffchüttelnd zu und fagten: »Ja, wir wiflen jetzt. Vom Stamme der Dudaniter iß er . . .«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.