Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 3 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
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1$6 STRAUS, DAS JÜDISCHE VOLK UND SEINE JUGEND Zeiten gegeben hat. Sie wird aus dem grenzenlofen Behagen, der fonnigen Heiterkeit, von der das gefunde Kind im erßen Lebensjahr förmlich überftrömt, Kräfte des Gemüts fchöpfen, die fie tauglicher für ihren Beruf als Erzieherin machen als alle pädagogifche Wiflenfchaft. In Zeiten der Sorgen um das kranke Kind werden Mann und Frau bei Nachtwachen und Mühen nur fefter mit einander zufammenwachfen und mit dem Kind, denn die Größe jeder Liebe, auch die der Eltern* liebe, wächft an den Opfern, die fie bringt. Die Tagebücher der Mutter werden der pfychologifdh * phyfiologifdben Fakultät der Univerfität reicheres Material bieten -* in unferer Utopie haben alle Mütter Zeit, folche zu führen — als die Beobachtungsbogen der Doktoren der Pädagogik, denn »lieben heißt Verfenkung in das Objekt« wie der Verfafler fo fchön fagt, und fo ficher fie mehr lieben können, fo ficher wird auch ihre Verfenkung eine tiefere fein. Wenn fie aber das etwas größere Kind in die Gefellßhaft von anderen Erwachfenen bringen will, fo wird fie gut tun, primitive Menfihen heranzuziehen, da fich Kinder aller Völker, Länder und Zeiten mehr für Wafchfrauen, Kutlcher, Schäfer und Stallknechte intereffiert haben als für Akademiker*). Die größeren Kinder werden ihre »Sinnesorgane, Urteil, Gedächtnis und Aufmerkfamkeit« vielleicht einige Stunden im Kindergarten an »wohlüberlegtem, gut gearbeiteten Spielzeug entfalten«, aber im übrigen bei einem Sandhaufen, etwas Wafler, Zigarrenkißen, abgebrannten Zündhölzern, Kiefelßeinen und last not least etwas Bindfaden ebenfo zufrieden fein und der Inhalt eines Papierkorbes wird Orgien der •Begeißerung entfefleln. In unferer Utopie wird es keinen Vater geben, der es nicht als eine göttliche Aufgabe betrachtet, Selbfierzieher feiner Kinder zu fein. Die pfychologilHie Einfiellung jüdißher Eltern, die Bernfeld fo vor* trefflidi kennzeichnet mit den Worten: »Mein Kind foll es belTer haben als ich und mein Kihd foll beffer werden als ich es bin« iß die denk* bar günfiigfie für diefes Amt, wenn es gelingt, fie davon fern zu halten, dem Kinde ihre Begriffe von Glück und Gutfein aufzudrängen. Die Eltern zu diefer Zurückhaltung und Selbfibefcheidung zu erziehen, wird die eigentliche Aufgabe der Pädagogen des Landes fein. Sie brauchen dazu weder experimentelle Pfychologie zu treiben noch wiflenfihaftliche Werke zu lefen. Statt deffen werden fie ihnen fchärfße Selbfibeobach* tung und Beobachtung anderer empfehlen. Sie werden fie hinweifen auf die Werke der großen Künftler aller Völker, deren göttliches Gefchenk es war, die Seelen der Menfchen zu durchfchauen bis in ihre *> Bogumil Goltz, Buch der Kindheit fchreibt: »Alle lebendige und wahrhaftige Menfchenkenntnis beruht auf Sympathien, die unferen Kinderherzen eingepflanzt und mit uns groß gezogen worden find. Knall und Fall fliegt uns weder ein Verftand noch eine Liebe und Sympathie an, und alfo auch nicht der Verltand und die Liebe für das Volk, för feine Dafeinsweifen und seine Art. Was immerhin auch ein Kind in folcher Gegenfeitigkeit mit Gefinde und Volk an allerlei Unarten, an garßigen Redensarten und Manieren zu feinem Nachteil davon trage, das gewinnt es ficherlich auf der andern Seite zum Vorteile feines reinen Menfchentums, feiner Natürlichkeit, feines Mutterwitzes, feiner Menfchenfreundlichkeit und Leutfeligkeit«