Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 3 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- – (sequence 41)
- Language
- German
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S7RAUS, DAS JÜDISCHE VOLK UND SEINE JUGEND 155 des Volkes«. — »Und diefe Jugend mit ihren Führern wirkt auf das Volk. Freilich nicht immer ift die Zahl und Bedeutung der hervor* ragenden Perfönlidikeiten gleich groß, aber in den .Jugendbereichen ge* langen Tie zur tiefßen Wirkung. Sie haben keinerlei Lehrauftrag, fondern nur Wohn* und Arbeitsrecht im Bereich. Alles andere iß das Ergebnis aus der jeweiligen Konftellation zwifdien ihrer geißigen Ge* walt und der Ehrfurchtsfähigkeit der Jugend«. — Wie aber, wenn es Männer gibt, die, wenn ihre geißige Gewalt nicht wirkfam fein follte, verfuchen, mit demagogifchen Mitteln auf die Jugend zu wirken? Sind nicht jedem Analogiefchlüffe zu europäifch^politifchen Zußänden naheliegend, der die große Verwandfchaft der jugendlichen und der Volkspfyche kennt, der gefehen hat, daß, wo die Fähig* keiten zum Urteil fehlen, auch die Möglichkeit der Wahl nidht hilft? Aber nein, in der pädagogifchen Fakultät, in der ja alle im Jugendbereich Tätigen arbeiten mußten, ßeht »ein herrlicher Bau, von einem jungen Künßler als Stein gewordenes Symbol gefchaffen, von einem Park foidi edler Anlage umgeben, daß, wer hier einfam wandelt, alle Mätzchen und Kniffe feiner Eitelkeit und Ichkleinlichkeit vergißt«. Es beßeht wohl kaum ein Zweifel, daß die Beziehungen der Aefihetik zur Ethik nicht fo einfach liegen, wie es der Verfafler hier andeutet. Aber (oll man Utopien überhaupt kritifieren? Träumen wir lieber einen anderen Traum, der uns fchöner, beglückender und natürlicher erfcheint, und außerdem durchgreifender revolutionär. Wir fangen fdhon bei der Ehefchließung an. Die Ehe wird nicht mehr auf »Er* werb, Ruhe und Problemfreiheit« gegründet fein, fondern eine Ver* einigung von Menfchen, die, durch das Myfierium der Liebe zu* fammengeführt, gemeinsamen Dienft am Altare deflen tun, was ihnen das Höchße bedeutet. Welch Irrtum, die Familie zu verneinen, weil lie in entarteten Zeiten auch entartet iß! Selbß wenn einem der Wert der Erziehung fraglich fein kann, die die Eltern den Kindern geben, fo über allen Zweifel erhaben iß doch die Tatfache, daß eigene Kinder zu haben ein Mittel zur Erziehung der Erwachfenen iß, das durch gar nichts erfetzt werden kann. Gibt es fchärfere, unnachfichtigere, unbeßechlichere Kritik als die der eigenen Kinder! Gibt es überhaupt Menßhen, deren Achtung, Liebe, Bewunderung zu gewinnen man fo fehnlichß anßrebt, und iß die Erziehung der Menfchheit von über zwanzig Jahren etwa weniger wichtig als die der Jugendlichen! Nein, in unferem utopifcfaen Paläftina, das ebenfo unermeßlich reich iß, wird es keine Frau geben, die gezwungen ift, eine andere Arbeit zu leiften, als die in der eignen Familie. Der Säugling wird nicht von einer Pflegerin im Heim aufgezogen, für die er ein hygienifch-eugenifches Problem iß, fondern von der Mutter, für die er Erfüllung perfönTichßer Sehnfucht und tieffies feelifches Erleben bedeutet, die auf alle Äfihetik und Ruhe des Entbindungsheims verzichtet, um die vorangehenden Stunden der angftvollen Vorfreude, weihevollen Unruhe in Gemeinfchaft mit dem Vater des Kindes zu verleben, die nachher im eignen Haufe zur Empfängerin all der Liebe und Sorgfalt wird, die fie in anderen