Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 3 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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RIWKIN, DIE ZIONISTISCHE STUDENTENSCHAFT IN RUSSLAND 151 werden müffen, wo man einen Raum mieten folle ufw. Derartige Fragen füllten feinen ganzen Tag aus, ohne dem persönlichen Leben Zeit oder Raum übrigzulaflen, Aktiv konnte jemand werden, der fähig war, Geh nur mit kanzleimäßigen Fragen züfrieden zu geben und in ihnen feinen ganzen Zionismus zu erblicken. Die »Chedera« verwendet ihre jungen Mitglieder nidit zur f>raktifchen Arbeit. Sie fetzt lie an die Bücher und will in ihnen perfön* idie Qualitäten und Tugenden erwecken. Ihr Ziel iß, den Akademiker nicht als Kanzlißen für die zionißifche Bewegung auszunutzen, fondern als Menfchen mit hochentwickelten geißigen und phyfifchen Eigen* Ichaften. Diefe perfönlichen Bigenfihaften kultiviert he in kamerad* fchaftlichem Kreife, der durch Freundfchaft und Difziplin zufammen* gefch weißt iß. Die »Chedera« iß eine Schule. Die Erziehung in ihr beginnt in jungen Jahren, fchoh auf der Gymnafialbank gelangt der zukünftige Student unter den Einfluß der »Chedera«, nicht zu politifcher Tätigkeit, fondern zu gefunder Entwicklung fowohl in geifiiger als in phyfifcher Beziehung. Durch Ausflüge aus der Stadt, Annäherung an die Natur, Erlernung von fiandwerken und Be* fprechungen zieht fie Geh die zukünftigen Mitglieder vom zehnten bis zwölften Lebensjahre in Pfadfinderabteilungen nach dem Syfiem von Baden*Powell heran <die erße jüdifihe, nach Herzl benannte Pfad* finderabteilung iß in Petersburg). Die »Chedera« erzieht Menfihen, die fie auf ihre Verantwortung der Bewegung zur Verfügung ßellt. Die Entwicklung perfönlicher Eigenfchaften, des Charakters, das iß die Aufgabe des jüdifchen Akademikers, des Trägers der Wieder* geburt, denn der weg zu letzterer führt über die Wiedergeburt der jüdifchen Perfönlichkeit. Die »Chedera« iß eine charakterifiilche Erf&einung des ßudentilch* zionifiifchen Lebens. Ihr Beginnen in Petersburg hat die allgemeine Aufmerkfamkeit auf fich gelenkt. Um fie iß ein Streit für und wider entßanden. Der Verfuch, der in Petersburg unternommen wird, wird nicht fpurlos bleiben. Er iß fymptomatifih in feinem energifihen Bruch mit den ruffifchen Gewohnheiten als Zeichen einer beßimmten Reaktion in der ruffifch^ionifiifdien Studentenfchaft. Die »Chedera« hat ihre Tätigkeit auf die Provinz ausgedehnt, indem fie ihre Mitglieder dort* hin entfandte. In der Provinz fand fie Widerhall. Was die Zukunft bringen wird, iß fchwer zu fagen. Jedenfalls iß der Verfuch der »Chedera« ein kennzeichnendes Merkmal des gegenwärtigen Zußandes und der Stimmung der zionißifchen Studentenfchaft in Rußland fowie des Weges, der von ihr durchmeflen iß. Ob nun zurück, wie viele in Rußland fagen, oder vorwärts <-* das wird die Zukunft zeigen. MARKUS RIWKIN