Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 3 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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126 KROJANKER, VOM FALSCHEN 0E1S7 DES JUDENTUMS weifen. Sein befchränkt nationaliftifcher Gefiditskreis dehnt fiA damit zum Weltbürgertum,- er tritt aus feiner Enge und gewinnt fich die Weite der Welt. Hier vor allem liegen die Lockungen des inhaltlich beßimmten Nationalismus,- hier die große Anziehungskraft, mit der er zumal unfere jüngfie Generation in feinen Bann ziehen konnte. Denn fie konzipierten den Zionismus zu einer Zeit, in der wahrhaftig jeder Belfere den tiefften Abfcheu vor der nationalen Verhetzung und den ungeheuerlichen Folgen einer nur nationalen Einftellung empfinden mußte. Und da kam ihnen jene Theorie fehr entgegen, die ihnen geßattete, dem jüdifchen Gefühl, das fie in fich wußten, nachzuleben und doch gleichzeitig ihr Ziel univerfal, kosmopolitifch begründen zu können. Aber ach, diefe beide Fliegen lalfen fidi mit einer Klappe nicht fchlagen. Denn gerade diefe Art von Nationalismus führt zu einem Gipfel von Wahn und Anmaßung/ und fie führt *~ das ift das Wichtigfie — zu der Grenze, an der zwifchen der Idee des Zionismus und der des Liberalismus nur mehr fchwer gefchieden werden kann. Beides wird eingehend zu begründen fein. Die Idee der Auserwähltheit, urfprünglidh Eigengut des jüdifchen Volkes, ift heute Sadie jeder kräftigen und-ihrer felbß bewußten Nation, Wie der Einzelne nicht nur lebt, um zu leben, fondern nach dem Sinn feines Dafeins fucht, um es vor fidi felbß und einem engeren oder weiteren Gemeinfchaftskreis zu rechtfertigen, fo fühlt auch jedes Volk in fidi den Trieb, die natürliche Tatfache feines Eigenlebens vor dem höheren Forum der Menfchheit zu vertreten. Und immer findet es feine Rechtfertigung in dem Glauben, daß es felbft in fidi die Idee oder die tiefen fchöpferifchen Kräfte trage, durch die allein das Heil der Menfchheit herbeigeführt werden könne. In diefem Sinne tendiert jedes Volk auf die Menfchheit. Am deutfchen Wefen foll bekanntlich die Welt genefen. Oder mit Schiller: »Jedes Volk hat feinen Tag in der Gefchidite,- doch der Tag des Deutfchen ift die Ernte der ganzen Zeit«. Und der RulTe wiederum ift überzeugt, daß von der Ideale geßalt des ruffifchen Bauern, dem Mushik mit feinem Gottvertrauen, feiner Demut und feinen unverbrauchten Inftinkten — daß von ihm als dem lebendigen Gefäß der Gnade das »neue Wort« ausgehen werde, das die Menfchheit endlich auf den Weg des Heils hinleite. Dem Engländer aber ift fchon feit langem Britentum und Humanität ein identifcher Begriff, und der ewige Friede ift für ihn die pax britannica. Schiller, des Imperialismus und Chauvinismus unverdächtig, hat herhalten müflen, um die nationale Selbftfucht in der eben vergangenen großen Zeit fittlich zu rechtfertigen. Die Demut des Mushik hat die Unterlage abgegeben, auf der der Größenwahnfinn des Panflavismus feine Welteroberungsziele als Menfchheitstat proklamieren konnte. Und die Humanität des Britentums dürfte bis jetzt auch mehr dem Briten* tum felbft als der Menfchheit Gewinn eingetragen haben. Jede einzelne Nation hält fidi für den allein richtigen Weg zur Menfchheit und ift deshalb beftrebt, die anderen Nationen mit liebefeliger Gewalt auf ihren Pfad der Tugend zu führen. Alle find fie auserwählt, alle wollen fich gegenfeitig führen. Das Refultat ift der Kampf aller gegen alle.