Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1919-11-01 · Heft 3 (November 1919) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 3 (November 1919)
Date
1919-11-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2827066-2827074-2827077--0546-2827650
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

KSOJANKER, VOM FALSCHEN GEIST DES JUDENTUMS 127 Und das heißt eben: der Kosmopolitismus, der aus der Befonderhelt einer nationalen Einßellung erwächß, iß nur ein fcheinbarer. Er erreicht Kampf, wo er Frieden erßrebt/ er wird zum Größenwahn, wo er fidi in der Form von Demut kundtut, und er fät Haß, wo er die Liebe predigt. Darüber muß (ich klar fein, wer feiner Art nach mehr auf das univerfale als auf das Nationale tendiert. Er muß fich klar da« rüber fein, daß wahrhaft kosmopolitifch gerichtet nur der fein kann, in dem die Triebkräfte des autonomen Individuums ßärker find als die der völkifchen Verbundenheit. Das Bekenntnis aber zum Zionismus iß in erfier Linie das Bekenntnis zur Nation. Man kann vielleicht trotzdem Kosmopolit fein. Aber dann nur aus jener Zweiheit heraus, die jeder Menfch in fich trägt, da er nicht nur Volksgenolfe, fondern auch felbfiändiges Individuum mit Aufgaben, Werten und Zielen iß, die der Einwirkung durch die Gemeinfchaft nicht unmittelbar unterftehen. Die Menfchheit aber auf Grund feiner nationalen Befonderheit zu be* gehren, erfcheint mir als ein zwar reizvolles, letzten Endes jedoch nödhß widerfpruchsvolles Beginnen. Nun iß ja die Gefahr von kriegerifchen Welteroberungsplänen bei uns gering. Aber wer zum Zionismus kam, weil er in ihm den wahrßen und reinßen Geiß unter allen jüdifchen Richtungen der Gegen* wart vermutete, den muß in dieferL Luft, die didk iß von Anmaßung und gefchwollener Phrafenhaftigkeit, Übelkeit ankommen. Was foll die täglich wiedergekäute Redensart, das wir nicht ein »Feld*, Wald* und wiefenvolk« fein wollen wie die anderen? Wenn damit gefagt fein foll, daß die Befonderheit unferes Geiftes fich auch irgendwie in der Befonderheit unferer Kultur ausprägen muß, dann iß das eine platte Selbßverfiändlichkeit. Aber es liegt eben mehr darin,- es liegt darin die Überlegenheit des größeren Geißes, der alles befler macht und ein Wegweifer iß und eine Leuchte. Nach Bernfeld waren wir fogar das einzige Volk der Kultur (werden es allerdings nur bleiben, wenn wir feine Erziehungstheorie verwirklichen). Und während hundert Federn diefe gefch wollenen Anmaßungen fdhreiben, find vielleicht zwei oder drei im Lande, die mit den Problemen des Aufbaus Befcheid wilfen, die nicht »fordern«, fondern in der Schlichtheit ihres Geißes fich »nur« um die reale Erfalfung der Dinge bemühen. Es ßeht uns fchlecht an, die Menfchheit meifiern zu wollen, während wir noch in tiefßer Sorge find, ob es uns gelingen wird, das eigene Haus zu errichten. Not* wendiger als all dies Gefchrei iß uns die ruhige Arbeit. Und man verfuche nicht den Einwand, fie bedürfe des Anfporns durch den dauernden Hinweis auf die Größe und Tiefe unferes Volkes. Wer erfi diefes Anfporns bedarf, der lafle beffer die Hände davon. Wir nehmen alle Kraft aus der Liebe zu unferer Gemeinfchaft, und wir lieben fie nicht, weil fie eine fo befonders leuchtende und erhabene wäre, fondern ganz einfach, weil fie die unfere iß. Es wäre eine traurige Liebe zu Vater und Mutter, die des Nächweifes bedarf, daß fie befonders edele und hervorragende Geßalten wären. Was an den Eltern leuchtet, iß nur der Umßand, daß fie eben die Eftern find. Eine andere Begründung braucht der Zionismus nicht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.